Ich arbeite wieder.

Ich arbeite wieder an ‚adoptiert‘. Ich bin froh darüber.

Wieder in Bewegung kam das Projekt über der Arbeit an einem Interview, das im Sommer in der PFAD Fachzeitschrift für die Pflege- und Adoptivkinderhilfe erscheinen wird. Ich habe in dem Interview erstmals Inhalte von Teil III für Außenstehende formuliert – seither setzt sich die Geschichte zusammen.

Eine erweiterte Inhaltsangabe zu ‚adoptiert‘ findet sich nun auch unter meinen Leseproben. Eine kleine Momentaufnahme aus der Geschichte von Sara gibt es im Blog-Text vom 19. Juni

In vielen Kurztexten des Blogs scheinen sich Themen vorbereitet zu haben, die in den Roman gehören. Ich hätte das nicht gedacht. Der Blog war aus der Verzweiflung entstanden, weil ich neben den Kindern zuhause, geschlossenen Spielplätzen und fehlenden Freunden zu gar nichts mehr kam. Es sieht so aus, als hätte sich im Stillen und Geheimen doch so einiges getan.

Ein kleines Mädchen.

Ein kleines Mädchen mit einem blauen Tuch. Ihre Mama schlingt die Arme um das Kind. Es ist nicht die Mama. Es ist die Pflegemutter, die auf Wiedersehen sagt. Das Kind zieht woanders hin. Alleine.

Die Frau lässt los. Sie ist keine Mutter mehr. Der Vertrag endet. Heute.

Das Kind macht zwei drei Schritte. Dreht sich um. Will zurückgehen. Und weiß bereits, so klein sie ist, dass zurück nicht mehr geht, dass Mama nicht mehr Mama ist, dass es niemanden mehr gibt. Nur diese Frauen auf der anderen Seite des Raumes. Die für sie verantwortlich sind. Und sie zu den nächsten Eltern bringen werden. Heute noch.

Fortsetzung der Pause.

Der tägliche Corona-Blog wird weiterhin pausieren – der komplette LockDown ist vorbei, Ferienzeiten sind mit Kindern so oder so immer ein wenig anders und – ich habe es genossen, eine Woche offline zu sein.

In anderen Jahren habe ich mich im Sommer jeweils sechs bis acht Wochen aus dem Netz und allen Kommunikationswegen ausgeklinkt. Nach den langen Isolationswochen konnte ich mir dagegen kaum vorstellen, aus diesem täglichen online-Kontakt mit anderen wieder auszusteigen. Doch die offline-Tage an der Ostsee waren wohltuend – und überraschend produktiv. Ich habe so viel neuen Text geschrieben, wie seit Monaten nicht mehr. Das Arbeiten im Urlaub geschah wie nebenbei, auf Autofahrten, in Mittagschlafzeiten, im Strandkorb, neben spielenden Kindern.

Ab Samstag werde ich mich daher voraussichtlich für zwei drei Wochen ausklinken. Bis dahin gibt es noch den ein und anderen Text im Blog.

Pause.

Solch ein schöner Himmel, über dem Wald, hinter dem das Meer sein muss. Die Möwen kreischen, als wären wir schon dort.

Ein paar Tage offline, und schon geschehen ganz andere Dinge. Der Blog wird zum Druck, ich müsste mich zwingen, und wenn ich es tue, wird der Text nicht gut. Stattdessen entstehen lange Texte zu ‚adoptiert‘, das im Lockdown stagniert hat. Lange Texte auf den Autobahnen, mein Mann fährt, der Kleine schläft, die Große hört sich über Kopfhörer Märchen an. Ich bin allein, alles ist still, die Landschaften ziehen im Augenwinkel vorbei.

Jetzt ist es wieder still, die Kinder schlafen, die Sonne geht gleich unter, über dem Wald, hinter dem das Meer sein muss.

Ich kann wieder schreiben. Und der Blog wird ein bisschen ruhen.

Zum Krieg.

Dass ihre Großeltern dann doch zusammen geblieben waren, hatte mit dem Krieg zu tun. Er saß plötzlich da oben im Gebirge fest, da konnte sie ihn doch nicht verlassen, meinte ihre Großmutter sechzig Jahre später, immer noch mit Bedauern in der Stimme. Vielleicht wäre das für alle besser gewesen. Sie, die Enkelin, hätte es dann jedenfalls nicht gegeben und sie hätte nicht auf diese Weise unter ihrem Großvater gelitten. Aber hätte er seine Tochter und später die Enkelin denn überhaupt vergewaltigt, wenn er nicht so lange am Berg in eisig kalten Bunkern hätte ausharren müssen? Wenn er nicht mehrfach beinahe verrückt geworden wäre? Und Großmutter, wenn sie wirklich hätte Künstlerin werden können und glücklich-erfüllt in sich selber gelebt hätte, vielleicht hätte Großmutter hinschauen und sogar intervenieren können, Jahre später, bei ihrer Tochter, Jahrzehnte später, bei ihrer Enkelin. Wer wusste schon, was der Krieg angerichtet hatte, in den Familien. Und der Hunger. Die Vorratskeller waren danach immer gefüllt, als drohte der nächste Krieg schon morgen. Noch sie selber, die nie einen Krieg erlebt hat, musste aufpassen, nicht der Vorratshaltung anheimzufallen. Zum Glück hat sie ihren Mann. Der hat mit dem Krieg nichts zu tun.

Das Kind.

Sie wird ihr Kind wiedersehen, das nicht mehr ihr Kind war.

Das Kind hat jahrelang in ihrem Bett geschlafen, jahrelang in ihrem Körper gelebt. Sie konnte das Kind kaum ablösen, von ihrem Schoß, von ihrem Arm, von ihrem Hals, bis es nicht mehr ging, bis sie nicht mehr konnte, und auch das Kind nicht mehr konnte. Bis das Mädchen zurück ging, woher sie gekommen, auch schon Zwischenstation. Nun war sie selber eine Zwischenstation geworden, obwohl sie doch bleiben sollte, Mama auf Lebenszeit, oder Mama bis achtzehn, Langzeitpflegevertrag.

Sie würde ihr Kind wiedersehen, irgendwann, da war sie sich sicher. Das Mädchen war derart tief eingewurzelt gewesen, in ihrem Körper. Es wird sie wieder herziehen, irgendwann. Wenn sie groß genug ist, sich darüber hinwegzusetzen, dass manche im Pflegewesen bei den alten Sätzen bleiben. Es ist besser, wenn du sie nicht mehr siehst. Du musst jetzt zur Ruhe kommen, du wirst sie vergessen. Hier ist jetzt deine Mama. Kinder vergessen schnell, besser, einen Schlussstrich zu ziehen.

Sie kannte die alten Sätze. Sie hielt nichts davon. Sie kannte so viele, die mit diesem „endlich“-Gefühl, mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, auf den Besuch bei der einen oder anderen früheren Pflegefamilie reagiert haben. Weil innen im Körper plötzlich Dinge Sinn machten, ins Lot kamen, zu denen es bisher keine Geschichte, kein Gesicht mehr gab.

Gedächtnisspuren im Körper. Auch ihr Kind, das nicht mehr ihr Kind war, würde diesen Spuren folgen, irgendwann. Und ganz zufällig, am einen oder anderen Tag, ihren Weg wieder kreuzen, um stehen zu bleiben und ihr ins Gesicht zu sehen, in den Körper zu kriechen, mit den Augen, bis sie innerlich wieder angekommen sein würde, in der kleinen Kuhle unter der Decke, in die sie jahrelang genau gepasst hatte.

Nicht verlässlich.

Sie hatten ihre Adresse gefunden. Weil sie sich den einen Kontakt noch offen gehalten hatte, über all die Jahre. Weil sie ihn, der schon fast ein Freund geworden war, nicht aufgeben wollte, nur weil er nicht hat widerstehen können und wieder Kontakt aufgenommen hat mit seinen Eltern, die wahrscheinlich immer noch mit drin steckten. Nun hatte sie die Quittung. Sie hätte den Kontakt abbrechen müssen, spätestens ab der Nacht, in der er ihr erzählt hat, er sei wieder zu seinen Eltern gefahren und wie schön das doch gewesen sei und nun sei er doch endlich nicht mehr allein undsoweiter. Aufgenommen in Muttermund und Vaterpenis, heimgekehrt in den tiefsten Schoß. Nun hing sie auch wieder mit drin, bis weit nach Italien hinein. Und sie hatte doch gehofft, sie wäre draußen. Beim nächsten Umzug wird sie auch ihren Namen ändern müssen. Und mit keinem, KEINEM mehr telefonieren. Es gab keine Freunde, nicht in diesem Feld. Sie waren alle unberechenbar und nie verlässlich. Auch sie. Vielleicht hatte sie ihre Adresse selber rausgegeben. Sie traute sich nicht.