Allein.

Ich bin allein. Ich bin allein. Ich bin allein. Ich erinnere mich.

Sie sitzt auf dem kalten Kellerboden, im dünnen Sommerkleidchen. Die Tür ist verschlossen. Es handelt sich um eine Strafe, das weiß sie. Sie weiß nur nicht, wofür. Das weiß sie selten, wenn sie bestraft wird. Und sie wird häufig bestraft.

Sie ist allein. Allein allein allein. Angebunden in ihrem Schlafsack. Am Bettgestell angebunden. Sie kann sich nicht drehen. Und nicht aus dem Bett steigen. Draußen hört sie die Stimmen der Nachbarskinder. Es ist noch hell. Sie spielen auf der Straße. Die Fensterläden vor ihrem Fenster sind geschloßen. In ihrem Zimmer ist es dunkel. Halbdunkel. Durch die Spalten in den Fensterläden kommt Licht.

Sie klopft an die Wand. In der Wand wohnen ihre fünf Schwestern. Die Schwestern sind immer zuhause. Sie leisten ihr Gesellschaft, wenn sie allein ist. Nur im Keller, da kommen sie nicht hin. Der Keller ist ihnen zu dunkel.

Sie klopft an die Wand, und eine nach der andern steigen sie zu ihr ins Zimmer. Carla Carla Franziska Martina Ursina. Wieso die ältesten zwei beide Carla heißen, dazu gibt es eine abenteuerliche Geschichte. Die Älteste war als Baby eine Weile verschollen gewesen.

Sie liegt angebunden in ihrem Schlafsack. Sie ist nicht mehr allein. Sie hört die Stimmen von draußen, die Kinder auf der Straße. Und sie hört die Stimmen ihrer Schwestern, die sie langsam in den Schlaf murmeln. Ihre Schwestern, die sie streicheln, sie lieb haben. Die sie beim nächsten Mal, bestimmt beim nächsten Mal, mitnehmen werden, durch die Wand hindurch, in ihr anderes Land.

Sie weiß nicht, welcher Tag heute ist.

Sie weiß nicht, welcher Tag heute ist. Sie findet das Buch nicht mehr, in dem sie gestern gelesen hat. Oder war das vorgestern gewesen? Aber was war denn dann gestern gewesen?

Nachmittags, mit den Kindern, da war sie auf den Spielplatz gegangen. Eine Freundin hat sie dort besucht, weil Spielplatz der einzige Ort ist, an dem man mit Kindern auch mal ein Erwachsenengespräch führen kann. Durchbrochen von Notfällen, Hunger Pipi Durst Pflaster. Aber dennoch, fast ein Gespräch. Daran kann sie sich erinnern, an den Nachmittag mit der Freundin.

Aber der Vormittag, die paar Stunden ohne Kinder? Sie wollte sollte die Steuer machen, vom Vorjahr. Um nicht wieder so spät zu sein, ausnahmsweise. Die Steuer hat sie jedenfalls nicht gemacht, das hat sie schon gesehen. Der Stapel liegt unberührt, den hat sie nicht angefasst. Was hat sie dann getan? Immerhin vier Stunden. Und wenn jetzt auch noch das Buch weg ist, in dem sie doch gelesen hat, zuhause, auf dem Sessel.

War das vorgestern gewesen? Sie sieht sich sitzen, in dem großen weichen Sessel, mit dem Buch in der Hand. Endlich mal wieder ein Buch, hatte sie noch gedacht. Aber das Buch ist nirgends. Nicht in der Wohnung, nicht in den Taschen. War sie gestern draußen gewesen? Hatte sie es mit nach draußen genommen? Aber wohin?

Ihr Lieblingscafé hat noch geschlossen. Sie weiß nicht, ob es je wieder öffnen wird, nach dieser seltsamen Zeit. Die Leute dort sind schon vorher nicht reich geworden. Viele der Gäste waren Menschen wie sie, die einen einzigen Kaffee tranken und lange lange sitzen blieben. Mit einem Buch oder einem Freund, mit dem Laptop oder mit Stift und Papier.

Sie hat immer von Hand geschrieben, im Café. Sie vermisst diesen Platz, einen ihrer Lieblingsplätze. Sie hat sich dort sicher gefühlt, auch unter Menschen. Nun sitzt sie immer zuhause. Denkt sie jedenfalls. Aber wenn das Buch weg ist?

Sie hat Angst. Große Angst. Mit Worten nicht beschreibbare Angst. Was ist, wenn sie wieder Dinge tut, ohne es zu merken? Wenn sie das Haus verlässt und wieder nach Hause kommt und denkt, sie hat im Sessel gesessen den ganzen Vormittag mit einem Buch?

Und wo, wo genau war sie denn unterwegs gewesen? Jetzt, wo man eigentlich nirgendwo hin gehen konnte. Und mit wem? Wenn das wieder eine Frage wurde, ohne dass sie es gemerkt hatte. Hektisch beginnt sie, nach Spuren zu suchen, in der Wohnung, im Hof, im Fahrradkeller.

Schließlich fragt sie ihre Freundin, ältere Dame, Künstlerin im Erdgeschoß. Deren Fenster gehen zum Hof. Und außer mit dem Hund zu gehen, hat sie nichts zu tun, in dieser Zeit. Keine Aufträge, keine Kurse, keine Filme, kein Geld. Sie sitzt und schaut in den Hof.

Der Blick ihrer Freundin ist klar und wach und freundlich. Ja, du bist gestern Vormittag dreimal mit dem Rad weggefahren und kurz danach wiedergekommen. Vorgestern auch schon, und den Tag davor. Ich habe mich schon gewundert.

Sie wundert sich über nichts mehr. Aber sie fürchtet sich. Und hat keine Ahnung, wohin sie weggefahren ist. Wen sie getroffen hat. Und wozu. Nur dass sie jemanden getroffen hat, oder mehrere, von DENEN, darüber ist sie sich ziemlich sicher.

Ach, komm doch zu mir ins Atelier. Na komm schon. Wir trinken einen Tee und du erzählst. Wir werden schon eine Lösung finden. Und dann wissen wir auf jeden Fall schon mal, wo du bist. Das ist doch schon ganz schön viel, oder?

Sie glaubt an keine Lösung. Aber Tee trinken. Und nicht allein sein. Das ist ganz schön viel. Sie lächelt ihre Freundin an. Und tritt ins Atelier. Atmet den Geruch nach Farben und Holz und Leim. Vor dem Fenster blühen die Rosen.

Neue Knospen.

Ein Bilderbuch auf den Knien, Papier darüber. Sonne im Gesicht. Schreiben auf dem Balkon. Der Wind treibt die beiden Windrädchen an. Das eine dreht leise samten. Das andere ist schon alt, vom letzten Jahr, und quietscht und rattert, übertönt die Vögel.

Die Vögel haben lange alle Knospen der Nelken abgebissen. Als Futter? Für die Jungen? Zum Nestbau? Jedenfalls haben sie jetzt aufgegeben. Die Nelke hat neue Knospen getrieben. Heute ist die erste aufgeblüht. In der Früh wahrscheinlich, sie ist schon ganz offen und leuchtet in der Sonne.

Neue Knospen treiben. Überall dort, wo uns welche abgebissen werden. Oder direkt daneben. Wenn ich Musikerin werden wollte, als Jugendliche, als junge Studentin. Und mir alles abgebissen wurde, jede einzelne Knospe. Dann kann ich schreiben. Oder ganz neue Instrumente lernen. Als Erwachsene ein Cello übernehmen, ein gebrauchtes, mit einem wunderbar warmen Ton. Oder plötzlich singen, mehr als Kinderlieder. Mich auf die Straße stellen, wie die junge Frau in der Unterführung, die mich zu Tränen berührt hat, mit ihrem Gesang, mit ihren Texten. Die mir Mut gemacht hat, mich doch mit hinzustellen. Dann haben wir zu zweit gesungen.

Die Leute sind stehen geblieben. Ich habe es nicht gemerkt. Wasser im Gesicht. Klang im Körper. Die Stimme dieser Frau, so jung, so tief, so viel erlebt, so erfahren. Als wäre sie eine weise Alte, die mich an die Hand nimmt, zu meinen ganz eigenen Tönen. Die Menschen wischen sich Tränen aus den Augen, legen Geld in den Hut. Für die junge Frau, für mich, für sich, für die Tränen.

Neue Knospen, wie die Nelken. Lass dir ruhig alles abbeißen, wenn die Vögel hungrig sind. Es wird etwas nachwachsen, irgendwann. Ein wenig reicher, ein wenig kräftiger in der Farbe. Ein bisschen tiefer im Klang.

Es ist schön, auf dem Balkon zu schreiben. In der Sonne. Zwischen Windrädern und Vögeln und Nelken.

Sie wird ihre Eltern nicht mehr kontaktieren.

Frühmorgens. Die Linde mit immer mehr gelb im grün. Bald blüht sie. Ich mag die Linden in Berlin. Ich mag Berlin.

Sie lehnt sich zurück und atmet. Wenn sie nur Nase sein könnte, für die Linden. Und den Rest vergessen. Bis sie nicht mehr weiß, wer sie ist.

Sie wird ihre Eltern nicht mehr kontaktieren. Auch wenn sie langsam alt werden. Es geht ihr gut, in der großen Stadt. Sie braucht niemanden mehr. Sie genießt es, allein zu sein. Sie hat es gelernt geübt. Sie kann nicht mehr anders.

Manchmal sind da Menschen, die sie einladen und dabei haben möchten. Und es gelingt ihr nicht, hinzugehen. Oder ein zweites, ein drittes Mal hinzugehen. Oder sogar selber einzuladen. Auf solche Ideen kommt sie nicht. Sie mag ihre kleine Klause, mitten in der Stadt. Sie hat sich gemütlich eingerichtet, sie mag es niemandem zeigen. Wirklich nicht.

Manchmal gibt es sogar Männer, die an ihr dranbleiben, hartnäckig, wie kleine Anhängsel. Sie lässt keinen mehr ein, weder in sich, noch in ihre Wohnung. Sie hat genug davon. Sie hatte schon immer genug davon. Sie will nicht mehr. Nie mehr. Was auch immer der Mann zu bieten zu versprechen hat. Sogar wenn er Kinder mitbringt, sie lässt ihn abblitzen.

Obwohl, das mit den Kindern. Wenn sie Kinder haben könnte, ohne selber schwanger sein zu müssen. Kinder, die vielleicht schon etwas älter sind, keine Windeln, keine schlaflosen Nächte. Und Kinder, die im besten Fall nur am Wochenende kommen oder jede zweite Woche woanders sind. Wenn sie auf diese oder ähnliche Weise Kinder haben könnte, würde sie einen Mann in Kauf nehmen.

Vielleicht sollte sie es ausprobieren.

Ein schmales Bändchen.

Ich habe die Kurzgeschichten von Frau Reichelt gelesen, Es wäre schön (Logbuch Verlag). Und plötzlich habe ich Lust, mich an meine vielen Kurztexte zu setzen. Weil ich keine Kraft habe, für die großen Projekte, zurzeit. Aber immer mal wieder einen Kurztext bearbeiten, an die Lektorin weiterreichen, mit der Zeit eine Idee erhalten, in welcher Reihenfolge sie stehen könnten? Wieso nicht. Ein schmales Bändchen, oder auch ein dickeres. Ich will mit meinen Romanen raus, das bleibt. Aber vielleicht ist gerade nicht die Zeit dafür.

Schreibanregungen.

Ich war auf dem Blog von Jutta Reichelt unterwegs. Luise mit Hut. Es kann so einfach sein. Mir gefallen die Ideen, die Schreibanregungen. Ich teile die Einschätzung von Frau Reichelt, dass es im Moment für viele schwieriger ist, zu schreiben. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Und vielleicht auch ähnlichen.

Sie sitzt in einer Schreibwerkstatt. Für traumatisierte Frauen. Solche wie sie. Als wäre sie etwas ganz besonderes. Aber ja doch. Wie viel vertrauter und sicherer sie sich fühlt, im Kreise von Frauen mit ähnlich traumatischen Erfahrungen. Ganz unabhängig von den Inhalten. Einfach ähnlich dramatisch, das ist irgendwie hilfreich. Um sich nicht wieder außen vor zu fühlen, wie in der Schulzeit. Oder ein bisschen seltsam, wie im Studium. Ein bisschen einsam, mit den Kindern auf dem überfüllten Spielplatz.

Ich bin müde, schreiben fällt mir schwer. Ich habe einen Tag ausgelassen, in meiner neuen Corona-Routine, wenigstens einmal am Tag zehn Minuten zu schreiben. Und schon wird es wieder schwierig, auch schon nur für diese zehn Minuten, mich hinzusetzen.

Wenn die Ängste überhand nehmen.

Wenn die Ängste überhand nehmen, kann ich nicht mehr schreiben, nicht mehr denken. Worte fehlen, Verbindungen fehlerhaft, keine vollständigen Sätze. Alles setzt aus. Bis blank. Blank. Und Blut. In Strömen. Wie in Filmen. Und es ist kein Film. Das Kind, vom Balkon, unter dem Auto, auf der Straße. Der Mann, verspätet, das Motorrad, die Autobahn. Die Freundin, die liebste. Und wieder das Kind. Das eine. Das andere. Mit dem Fahrrad. Im Wald. Vom Baum. Die Äste. Das Loch. Der schwarze Mann. Vom Waldrand. In meiner Kindheit hatte er eine Waffe. Ich habe ihn mehrmals gesehen. Ich war oft allein im Wald.

Essen hat noch jedes Kind gelernt.

Die Finger mit aller Kraft in den Wangentaschen. Der Schmerz. Bis die Zähne auseinanderrücken. Die andere Hand hält die Nase zu. Bis auch die Lippen auseinanderrücken. Es geht nicht anders. Und der nächste Bissen wird nachgeschoben.

Leber zum Beispiel. Angebrannte, knochentrocken gebratene Leber. Die im Mund aufquillt und aufquillt. Und sich nimmer schlucken lässt. Bis die Finger wieder drücken. Schmerz und Atemreflex sich abwechseln die Waage halten überwiegen den Ekel und Würgreflex.

Eine Ohrfeige, wenn es hochkam statt runterzugehen. Als wäre es mit Willenskraft und gutem Willen getan. Aufzuessen, freiwillig. Statt mit Zwangsmaßnahmen, die doch gar keiner wollte, natürlich nicht. Die sie sich ganz alleine sich selber zuzuschreiben hatte, ein schlimmes bösartiges Kind, andere wären längst beim Nachtisch.

Was hochkam, wurde wieder eingegeben. Irgendwann musste sie das ja lernen, essen hat noch jedes Kind gelernt. Und hier gab es nun mal, was auf den Tisch kam.

Sie zog die Atemmaske aus, wischte sich die Bilder aus dem Gesicht. Sie hatte sie lange nicht mehr ansehen müssen. Aber diese Atemnot, dieser Anflug von nicht ganz so gut atmen können unter den Masken, wie dünn auch immer der Stoff über Mund und Nase, dieser Anflug reichte, um so einiges wieder hochzuspülen.

Sie zieht sich die Maske aus, wischt die Bilder weg und lächelt ihre Freundin an. Heute hat sie sich jemanden mitgenommen. Sie lernt dazu. Mit einer Freundin an der Seite ist es so viel leichter, wegzuwischen, zu lächeln, und zu wissen, ganz tief drinnen, WIE VIELE Jahre das vorbei war.

schreiben. immer weiter schreiben.

schreiben.
immer weiter schreiben.
manchmal fällt es mir schwer.
oft fällt es mir schwer.

Es ist nicht so, dass ich keine Ideen hätte. Ich habe immer Texte im Kopf. Textanfänge, Sätze, halbe Texte, ganze Texte. Es ist nur, NUR dieser erste Anfang. Mich hinsetzen und losschreiben. Mich tatsächlich hinsetzen, ich mich, aus mir selber heraus.

Meine Arbeit ist Schreiben, welch ein Glück. Und wie schwer, immer wieder, mich hinzusetzen, nicht tausend andere Dinge zu tun. Seit Corona kann ich nicht mehr auswärts schreiben, und nicht mehr mit andern gemeinsam, keine festen Termine, keine Verbindlichkeiten. Ich fühle mich wie ein Kind, das sich zwingen soll, Hausaufgaben zu machen, jeden Tag, ohne Kontext der Schule, ohne die Freunde, wie soll das gehen. Ich jedenfalls, ich könnte es nicht. Oder nur mit Druck der Eltern, immer massiverem Druck der Eltern. Ich habe keine Eltern mehr, die mir befehlen, mich hinzusetzen und zu arbeiten. Schreiben zählt für sie auch nicht als Arbeit. Schreiben ist etwas für die Freizeit. Und auch dann nur, solange es nett und freundlich bleibt. Erbauliche Texte.

Erbauliche Texte habe ich noch nie geschrieben, auch als Kind nicht. Um erbauliche Texte für die Schule zu schreiben, musste ich abschreiben. Jahrelang ging das gut, bis ich mich an Thomas Mann versuchte. Leicht abgeändert, ein berühmter Text zum Meer, nach den Sommerferien, als Bericht über den „schönsten Tag der Ferien“. Ab da ging es nicht mehr gut. Von dem Punkt an wurden meine wunderschönen Texte strengstens begutachtet. Von nun an musste ich selber schreiben.

So richtig erbaulich wurden meine Texte danach nicht mehr, wunderschön auch nicht. Ich würde meine Texte ja nur so hinkotzen, was das denn sei, ich könne doch so viel mehr. Als ich mir dann Malina aussuchte, von der Bachmann, als Abschlusslektüre, sollte es mir verboten werden – das sei keine Literatur, das sei ja nur Hingekotztes. Wahrscheinlich nicht in genau diesen Worten, die Sprache war sicher gewählter, aber sinngemäß. Seither habe ich alle Beleidigungen zu meinen unschönen Texten als Kompliment aufgefasst, als Nähe zu Bachmann. Und es über die Schulleitung durchgekämpft, dass ich solch ein hässliches „modernes“ hingekotztes Werk wie Malina als Abschlusslektüre wählen durfte.

Auch Hingekotztes kann Literatur werden.
Einfach weiterschreiben.
Jeden Tag.

Vergessen werden.

Weite Felder, weiter Blick. Feldwege ohne Menschen. Sand unter den nackten Füßen, den Wind im Gesicht. Brandenburg. Im Frühjahr. Der Kuckuck ruft.

Meine Augen entspannen sich, bleiben in einer Weise weich, wie sie es in der Stadt nie sind. Diese Weite, durch die ich tagelang gehen kann, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Von Zeit zu Zeit ein Trecker, ein alter Lieferwagen, ein rostiger VW-Bus. Die Leute sind freundlich, ohne neugierig zu sein. Wenn die Polizei fragt, haben sie mich schon wieder vergessen.

Ich laufe und laufe, begegne keinem mehr, seit dem einen Trecker, heute morgen. Man begegnet hier nicht wirklich den Menschen, man begegnet den Treckern, den Lieferwagen, den Bussen. Der Trecker heute früh, das war ein grüner, ein großer, ein ziemlich neuer, für mein Laienauge. Ich kenne mich nicht aus, mit Treckern.

Der da drüben ist alt. Die solchen waren schon alt gewesen, als ich noch Kind war und oft bei den Bauern unterwegs. Die Bauern ringsum haben nicht viel gefragt. Wer mithelfen wollte, war willkommen. Wer mithalf, durfte mit am langen Tisch sitzen, in den Pausen, und von dem dicken Brot abbrechen, eine Schale Milch trinken.

Der alte Trecker gefällt mir, der scheint mir vertrauenswürdig. Hier wird keiner die Polizei rufen. Hier kann ich vielleicht über Nacht bleiben. Um morgen wieder weiter zu ziehen. Und vergessen zu werden.

sichtbar werden.

sichtbar werden mit Dingen, die nicht fertig sind. anfangen mit dem, was bereits da ist. und weitermachen. weitergehen. weiterschreiben. jeden Tag.

kleine öffentliche Unfertigkeiten

ich bin stabil. ich bin stabil. ich bin stabil. sie sagt es sich vor, jeden Tag.

ich darf das. ich darf. als müsste sie um Erlaubnis fragen, um zu dürfen. sie ist Mitte vierzig. wen sollte sie denn jetzt noch fragen. ihren Mann? ihre Mutter? oder ihre kleinen Kinder? die werden es ihr sagen. die sind sich sicher. Mama, du bist die beste.

mir diese kleinen öffentlichen Unfertigkeiten erlauben, jeden Tag. unfertig. kaum bearbeitet. nicht abgehangen. taufrisch. ohne darüber nachzudenken. ohne nochmals nachzulesen. einfach stehen lassen. zum nächsten gehen.

mit dem kleinstmöglichen Schritt beginnen. um dieses Gefühl zu verändern. ein Grundgefühl, aus der Kindheit mitgebracht. dass sie nichts schafft, nie etwas schaffen wird. dass sie nie fertig wird, mit nichts. und nie, NIE ausreichend gut.

wieder etwas erwarten von mir. auch wenn das bedeutet, wieder mehr Arbeit zu haben. jeden Tag. auch mit Schreiben.

sie setzt sich an ihren Schreibtisch. und beginnt.

In Berlin zuhause.

Ich erinnere mich, wie ich in Berlin ankam. Frühmorgens, mit dem Nachtzug. Mit einem letzten Rucksack und meinem neuen Rad, das mir mein Bruder extra alt geschenkt hat, für Berlin, damit es nicht gleich wieder weg ist. Das Rad war genau richtig, ich fahre immer noch damit. Die einzige Konzession an die Moderne ist ein Nabendynamo, den ich im langen Berliner Winter nicht mehr missen möchte.

Damals hat der Nachtzug am Bahnhof Zoo gehalten und ist danach quer durch die Stadt bis zum Ostbahnhof gefahren. Am Ostbahnhof stiegen nicht mehr viele Leute aus. Der Ostbahnhof war nicht sonderlich einladend. Ich schob mein Rad aus dem grauen Bahnhof ins graue Dämmerlicht, auf eine dicke Schicht Eis. Minus 20 Grad. Breitbeinig schob ich mein Rad nach Hause, in mein neues Zuhause, ein kleines Ofenheizungszimmer im Prenzlauer Berg. Ich fühlte mich zuhause wie noch nie zuvor in meinem Leben.

Es hatte nicht mit der Kälte zu tun, nicht mit dem Eis. Vielleicht ein wenig mit den breiten Straßen, dem vielen Platz. Das für mich so neue, so wunderbare Gefühl, das mit dieser Winterluft voller Kohlenrauch in mich einströmte: hier hast du Platz, hier darfst du sein, hier bist du richtig, hier kann jeder alles sein, keiner schaut dich schräg an, alles gut.

Und dann der Schock, am Nachmittag. Und danach jeden Tag, über viele Wochen. Dass ich in der Schweiz doch Deutsch geschrieben und gesprochen hatte, unsere offizielle Schrift- und Amtssprache, meine Muttersprache im Schreiben. Und ich war doch zum Schreiben hergekommen. Um endlich Schriftstellerin zu sein. Aber. ABER. Ich konnte kein Wort verstehen!

Ich bestellte einen Kaffee und musste dreimal sagen, was ich genau wollte. Offensichtlich klang es nicht deutsch, was ich sprach. Und was die Leute zu mir sagten, das konnte ich nicht verstehen. Es ging durch mich hindurch wie eine unbekannte Fremdsprache. Als wären die Zähnchen der Zahnrädchen auf ganz andere Geschwindigkeiten geeicht, griff Deutsch und Deutsch in meinem Kopf nicht ineinander.

Es hat viele Wochen gedauert, bis ich die Menschen so im Allgemeinen verstanden habe. Ich war über viele Wochen zutiefst verunsichert, im tiefsten Innern destabilisiert. Als hätte ich keinen Boden unter den Füßen, wenn mein Kopf ins Leere griff.

ABER. In Berlin war ich zuhause. In Berlin wollte ich leben.

Ich bin in Berlin geblieben.

Zum Kotzen.

Zum Kotzen. Schon den ganzen Tag. So ist es immer. Es muss auch nur eine Kleinigkeit wieder los sein, in ihrem althergestammten Herkunftsfamiliensystem. Über irgendwelche Wege erfährt sie es immer. Und schon kommt ihr das Kotzen hoch, die ganze Scheiße. Und diesmal, diesmal ist es keine Kleinigkeit. Diesmal droht es einen Menschen zu zerstören. Einen jungen. Einen der nächsten Generation. Und sie hatte doch gehofft, für die nächste wird es nicht mehr so schlimm sein.

Zum Kotzen. Sie sitzt und schreibt. Sie weiß nicht, was sie von dem Ganzen halten soll. Es kann ja auch ein Virus sein. Zurzeit reden ja alle von Viren. Naja, nicht Corona, ein anderer natürlich, einer fürs Kotzen. Es steigt hoch, seit dem frühen Morgen, immer wieder. Der Geschmack kommt an, im Mund, im Rachen. Der Rest lässt sich wieder schlucken. Der Geschmack bleibt. Der Geruch fehlt, aber die Erinnerung gaukelt auch den Geruch vor, mit dem Geschmack im Mund. Kotze ist unverkennbar.

Sie wollte nicht mehr über Kotze schreiben. Sie war doch über die Anfangsjahre des Schreibens längst hinaus. In denen alles ungefiltert aus ihr herausgebrochen kam. Kotze. Und Scheiße. Und Sperma. Und wilde Kombinationen von allem. Mit Blut, immer wieder. Und verlorenen Kindern. Ermordet.

Sie hat nicht mehr schreiben wollen, in diesen Phasen. Immer mal wieder. Hat monatelang Pause gemacht. Um unvermindert weiterzubrechen, sobald der Stift wieder über das Papier flog.

Sie will auch jetzt nicht schreiben, wenn ihr zum Kotzen ist. Wohin damit. Sie möchte einen Garten haben, unter dessen Büschen sie alles begraben könnte. Im Verborgenen. Diese Blütenpracht, mit solchem Dünger. Und keiner müsste sich mehr durch Scheiße wühlen, wenn er ihre Texte lesen will. Er oder sie könnte sich erfrischen. Und erfreuen. An Fliederbüschen. Violett, weiß, und gelb.

Und dieses Summen, dieses Duften. Die warme Sonne auf der Haut. Hinter den Hecken ein paar Kinderstimmen. Diese Kinder werden nicht mehr so sehr leiden, vielleicht. Und mehr die Blumen sehen, die Farben, das Licht.

Ich bin wütend.

Diese Trauer. Das ist furchtbar. Jetzt darf das Kind nicht in die Gruppe, in der ihre beste Freundin und ihre liebste Erzieherin sind. Weil die Gruppen nicht gemischt werden dürfen. Und wie soll ich mein Kind auf dem Spielplatz von ihrer besten Freundin fernhalten?

Not-Betreuung nennt sich das System. Alle sind unglücklich damit. Ich weiß nicht, was besser oder schlimmer ist. Ein Kind in der Not-Betreuung und jeden Tag zwei drei Stunden Stress- und Trauerbewältigung. Oder ein Kind nonstop zuhause und das zweite natürlich auch, denn jetzt werden die Geschwister in der Kita zusammengeklebt, auch wenn sie schon die ganzen Tage und die ganzen Wochen zusammengeklebt zuhause sein müssen und der Altersunterschied überhaupt nicht ideal ist für tagelange gemeinsame Spiele.

Ihr habt doch den Luxus der Betreuung, drei Halbtage pro Woche. Sei doch zufrieden. Es kann alles noch schlimmer werden. Ist das ein Trost? Mir ist es kein Trost. Ich finde all die Not-Systeme furchtbar. Alle sozialen Bezüge werden auseinander gebrochen, für die Kinder, für die Eltern. Auch für alle andern Menschen. Und sie sprechen von Öffnung, von Lockerung. In meinen Ohren klingt das zynisch.

Geöffnet werden die ganzen zusätzlichen Stressfaktoren, wieder ins Büro fahren, oder online wieder die volle Leistung bringen, parallel die Kinder weiterhin die meiste Zeit oder noch die gesamte Zeit selber betreuen, auch ohne Großeltern und Verwandte und Nachbarn. Ein Ding der Unmöglichkeit, Stress pur, mehr noch als im kompletten Lockdown. Und alles zwischenmenschliche, was uns trägt und stützt und nährt, soll auf Eis gelegt bleiben bis mindestens September. Ist das Öffnung?

Ich bin wütend. Und es hilft mir nicht.

All dieses Dürfen und Nichtdürfen, in unseren Leben. Wie zerbrechlich unsere Freiheiten sind, die wir gehabt und gelebt und geliebt haben.

Ein Wut-Text, heute. Kein literarischer.

Lachen.

Zähne putzen. Das Kind will nicht Zähne putzen. Erst recht nicht schlafen gehen. Die Spatzen lärmen noch, in den Hecken um den Sportplatz. Es ist noch hell. Kein Wunder, dass keiner schlafen möchte. Ich auch nicht. Lieber noch eine Runde lachen.

Lachen ist etwas, das mir nicht so oft gelingt. Und wenn ich lache, dann selten lange. Mit meinem jüngsten Kind dagegen, mit dem kann man richtig ausdauernd lachen. Auch ich.

Lachen, dass der Körper schüttelt. Das ganze Gesicht wie neu. Die Augen feucht, nicht vor Rührung, nicht von Trauer. Pures Lachen! Bis das Zwerchfell, die Lunge, das Herz nicht mehr kann, alles kurz aussetzt, Pause. Bis zur nächsten Lachsalve, Lachorgie.

Nach all dem Lachen ist plötzlich auch Zähneputzen in Ordnung. Es dämmert, die Spatzen schweigen. Jetzt singen die Amseln, hoch oben, in der Linde, auf den Dächern. Ich singe mit. Ein Gute-Nacht-Lied, ein zweites, ein drittes. Ich singe gerne, abends, an den Kinderbetten. Bis die Augen langsam zugehen, noch ein letztes Mal flattern, ein tiefer Atemzug, und ich weiß, jetzt, jetzt schlafen sie.

Schauen, staunen, selber atmen. Mit weichen Fingern über diese Wangen streichen, über diese weichen Händchen. Alle Spannung losgelassen. Ein Vertrauen, das ich in meinem eigenen Schlaf nicht kenne. Ich atme es ein, jeden Abend ein bisschen.

Ich öffne die Balkontür, zupfe verblühte Nelken und Glockenblumen, gieße die einen gelben, deren Namen ich nicht kenne, die immer so schnell trocken fallen. Leise singe ich nochmal ein Lied. Für mich. Betrachte die ersten Sterne. Denke an Fledermäuse und warme Sommernächte, an ein Glas Wein mit einer Freundin auf dem Balkon, an Schokokekse und warmen Tee.

Der Traum.

Über viele Jahre, Jahrzehnte, hat er den immer gleichen Traum geträumt. In dem Traum hat er sein noch leeres Grab besucht, auf dem Friedhof der Psychiatrie. Das Loch schon gegraben, Unkrautblumen am Rand, Farn in den steilen Wänden. Bereit, ihn jederzeit aufzunehmen. Jederzeit.

Seit ein paar Jahren hat er ihn nicht mehr geträumt, diesen Traum. Er denkt jetzt sogar, dass er alt werden könnte. Neunzig oder so. Gerade mal Halbzeit. So sehr hat sich sein Gefühl verändert, die Bilder und Vorstellungen. Das Grab in der Psychiatrie, das hat er schon beinahe vergessen.

Und nun hat es seinen Sohn erwischt.

Das Grab kriegt wieder Blumen. Das halb eingefallene Loch wird neu ausgehoben. Die Umgebung ist wild, wilder als früher. Der Friedhof kaum noch sichtbar, die Gräber verwildert. Das Gebäude daneben, die alten Mauern, die sind gleich geblieben. Mit den winzigen vergitterten Fensterchen.

Er träumt wieder. Nacht für Nacht. Und sieht seinen großen schönen starken Sohn ins Grab sinken, auf dem Friedhof der Psychiatrie. In das Grab, das eigentlich für ihn gewesen wäre. Das Grab ist zu klein für seinen Sohn, der Körper muss zusammengefaltet werden. Puppenspiel. Er spielt nicht.

Es regnet, das Loch füllt sich mit Wasser. Erde fließt den Wänden lang nach unten. Die Puppe schwimmt. Es ist längst nicht mehr sein Sohn. Es ist Großmutter und Großvater. Es ist seine Mutter, sein Bruder. Und immer wieder sein eigenes Gesicht. Im Wasser. Im Schlamm.

Er möchte nicht mehr träumen. Er war doch schon mal draußen gewesen.

Zeit zum Verschwenden.

Jetzt habe ich endlich zehn Minuten für mich. Heute hat es erst abends gereicht, wenn die Lampe schon brennt und die Kinder schlafen.

Neben mir liegt meine alte Postkarte. Mit der ich einmal mit viel Hoffnung Geld sammeln wollte für einen SchriftstellerLohn, Crowdfunding für Künstler. Der SchriftstellerLohn hat nicht geklappt. Aber die Karte gefällt mir immer noch. Links ein Bild mit einem Stapel Bücher, in schwarzweiß. Und daneben das Zitat von Ian McEvan: „Man braucht fürs Schreiben jede Menge Zeit zum Verschwenden.“

Zehn Minuten sind wunderbar. Und wenn der Tag so voll war wie heute, kein Raum für Verschwendung, keine Zeitecken und Zeitlücken. Dann ist es abends schwer, zu schreiben. Zusammenhängend. Am Stück.

Der Baum vor dem Fenster ist dunkelgrün geworden, beinahe über Nacht.

Einkaufen.

Sie kommt aus dem Laden und setzt sich auf den Poller. Ein großer Stein, Platz für zwei, es setzt sich kein zweiter. Sie ist allein. Sie nimmt nicht mehr wahr, wieviele Menschen um sie herum sind. Sie setzt sich, schweratmend, zieht sich die Maske vom Gesicht. Die Nase ist schweißnass, die Brille beschlagen. Hinter der Brille, die Augen, sind übergroß und schreckensstarr. Ihr Atem wird flach, verschwindet fast. Das Gesicht blasst ab. Sie sitzt und konzentriert sich auf die Steinkante, die sich in ihren Oberschenkel drückt. Diese eine einzige Sache, die sie gerade noch wahrnehmen kann.

Sobald sie wieder ein klein wenig was sieht, beginnt sie, alle Schuhe zu zählen, die vor ihr am Boden vorbeilaufen. eins und zwei. und drei und vier. rot. und braun. grün. und braun.

Bei siebenundzwanzig kommt der erste Atemzug. Das Gesicht nimmt ein wenig Farbe an, ein klein wenig. Sie schaut kurz auf, und gleich wieder runter. Sorgfältig beginnt sie nochmals bei eins, die Schuhe zu zählen, lässt den Kopf bei jedem Schuhpaar ein klein wenig mitgehen. Sie weiß, das hilft den Nackenmuskeln, diesen kleinen winzigen Stellmuskeln hinten an der Rückseite ihres Kopfes, sich wieder ein wenig zu lösen. Bei jedem Schuh ein bisschen. Sie hat so viel gelernt, in den letzten zwei Jahrzehnten.

Sie ist heute zum ersten Mal alleine einkaufen gegangen, überhaupt einkaufen, nach sechs Wochen. Sie arbeitet online, von zuhause aus, und hat sich liefern lassen, das wenige, was sie essen mochte, essen musste, in dieser Zeit. Doch nun hatte sich eine kleine Liste angesammelt von Dingen, die sie sich nicht so einfach liefern lassen konnte. Und nach sechs Wochen, da war es ihr nun auch nicht mehr recht, wieder ihre Freundin zu fragen, ob sie ihr nicht dies und jenes doch vielleicht nochmals mitbringen könnte. Beim letzten Mal hatte die Freundin einen selbstgenähten kleinen hübschen Stoff zu den Einkäufen gelegt, in Maskenform, mit zwei Gummibändern. Ohne Kommentar. So konnte sie es jetzt wohl nicht mehr vermeiden, sie musste es wenigstens versuchen.

Sie sitzt auf diesem Pollerstein, die Sonne im Gesicht. Sie spürt sie wieder, die Sonne. Aufstehen kann sie noch nicht, das Blut kribbelt, tausend Bläschen. Sie holt tief Luft und pustet lange lange gegen fast verschlossene Lippen. Lippenbremse, Atemtechniken, wie früher. Die Augen werden weicher, bewegen sich, beginnen plötzlich, wie gehetzt hin und her zu flitzen hinter den Gläsern, werden nur langsam ruhiger. Sie weiß, ihr Nervensystem orientiert sich. Sie hat so unendlich viel Theorie im Kopf, zu Nervensystem, und Triggern. Und konnte sich dann doch nicht helfen. Oder doch?

Sie war doch gerade einkaufen gegangen. Sie hatte es geschafft! Der Rucksack war gefüllt mit den paar Kleinigkeiten. Das teure Olivenöl drückte sich an ihre Rippen. Sie musste lachen. Eigentlich war es doch ganz in Ordnung, wie sie das hingekriegt hatte. Für eine wie sie. Mitten zwischen vermummten Menschen, in langen Schlangen. Stehen und warten. Nichts mehr sehen, weil die Gläser beschlagen. –

Halt. Stop. Schuhe zählen. eins zwei drei vier. braun. braun. schwarz. und rosa. Kleine rosa Kinderschuhe. Und eine helle hohe Kinderstimme. „Alles gut?“

Den Obdachlosen mit nach Hause nehmen.

Seit ich mich erinnern kann, habe ich immer mal wieder den Impuls, den ein oder anderen obdachlosen, wohnungslosen Menschen mit nach Hause zu nehmen. Gerade wieder vermehrt, in dieser Zeit, in der sie so viel mehr noch ausgesetzt und alleine sind. Ausgeliefert ihren Traurigkeiten, ohne ein tröstendes Wort.

Wie selten legen wir Wohnungshabenden den Wohnungslosen eine Hand an die Schulter, an den Arm. Geschweige denn, dass wir ihn oder sie umarmen würden. Sie könnten dreckig sein und stinken. Sie könnten bei uns in der Wohnung plötzlich Dinge tun, die für die Kinder gar nicht gehen, oder gefährlich sind, wer weiß. Wie viele Ängste ich habe, ohne es zu wollen. Zugleich wirken sie überhaupt nicht gefährlich, die wenigen Obdachlosen, die ich ein wenig besser kenne. Nicht wirklich kenne, aber häufiger sehe, öfter bei ihnen stehen bleibe. Mit denen ich immer ein Lächeln tausche, manchmal ein paar Worte. Denen ich Geld gebe, wenn ich welches mithabe. Aber berühren, nein, berühren tue ich sie nicht.

Nur einmal, ein einziges Mal, da habe ich einen berührt, der betrunken war und stank, der immer da saß und mich anlächelte. Ich war mit meiner kleinen Tochter unterwegs. Sie stellte sich vor ihn hin und sagte hallo, legte ihm ihre kleine Hand aufs Knie und fragte, wie es ihm gehe. Schließlich kannten wir ihn. Sie mochte sein Lächeln, genau wie ich. Und dieses Kind stand vor diesem Mann, setzte sich neben ihn, redete mit ihm, legte ihm die Hand auf sein Knie. Dem Mann kamen die Tränen. Wasser floß, strömte diese Wangen hinunter. Das Kind wischte das Wasser weg, mit kleinen zarten Fingern, immer wieder. Ich stellte mich daneben und legte dem Mann eine Hand an die Schulter. Es fühlte sich an wie Großvater, Tochter, Enkelin. Er war nicht fremd. Er stank nicht mehr, wir rochen es nicht. Er wirkte nicht mehr betrunken.

Zurzeit fehlt er, wie so viele. Wir haben ihn immer wieder gesehen, über Jahre. Seit Corona ist er weg. Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist. Ob er ein Land hat, wo er hingehen kann, einen Ort, einen Menschen, einen Platz in dieser Stadt.

Ich hoffe, er hat ein Kind gefunden, das ihn ganz ohne Zögern an die Hand genommen und durch ein kleines Türchen in einen Garten geführt hat. In dem Garten blühen jetzt die Fliederbüsche, in allen violett-Tönen. Mit betörendem Duft und diesem ständigen Summen der Bienen. Ein kleines Haus mit einem Bett. Kein Bier, aber das Kind stellt ihm jeden Tag ein wenig Essen hin. Wasser gibt es im Brunnen genug. Er beginnt, sich zu waschen. Und dem Kind die Hand zu geben, wenn es kommt. Gestern haben sie zum ersten Mal miteinander geredet. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache. Sie haben sich gut verstanden.

Wenn er wieder auftaucht, aus seinem Garten, wo immer er jetzt ist, werde ich meine Hand an seinen Arm legen. Und ihn fragen, ob er mitkommen möchte.

Der Bleistift meiner Großmutter.

Heute schreibe ich mit dem Bleistift von meiner Großmutter. Die Bleistifte von Großmutter stehen in dem kleinen Holzbecher, in dem sie immer in ihrer Küche gestanden haben. Sie sind fein säuberlich angespitzt, noch von Großmutters Hand. Der Holzbecher bemalt, auch von Großmutters Hand, mit winzigstem Pinsel, mit wunderbaren kleinen Blumen. Ich kann nicht so malen. Meine Großmutter wäre gerne Malerin geworden, sie hatte das Talent dazu. Sie hätte die Hartnäckigkeit gehabt, die mir manchmal fehlt, den starken Willen, eisern. Sie wäre eine gute Malerin geworden, da bin ich mir sicher. Aber dann kam der Krieg. Und alles war anders.

Als sie bereits Großmutter war, hat sie zum ersten Mal wieder kleine feine Pinsel in die Hände genommen. Blumen gemalt und Menschen. Alte Bilder nachgemalt, als wären es Originale.

Mein Kind weint, auf dem Spielplatz draußen. Der Bleistift von Großmutter gleitet zäh und viel zu langsam. Wird stumpf dabei. Und verliert die Hand von Großmutter, die eben gerade noch darauf gelegen hat, bevor ich diese fein säuberlich angespitzte Spitze aufs Papier gesetzt habe.

Ich werde wieder mit meinen Druckbleistiften schreiben, die Bleistifte von Großmutter zurück ins Regal stellen. Ich hänge an den Bleistiften, weil sie in Großmutters Küche gestanden haben, jahrzehntelang. Immer, IMMER frisch angespitzt. Und weil meine Großmutter damit geschrieben hat, jeden Tag. Einkaufslisten, kleine handgerissene Zettelchen. Und die Einträge im Geburtstagskalender, mit immer mehr Todestagen zwischen den Geburtstagen. Bis es kaum noch freie Tage gab im Jahr.

In der Erde wühlen. Mit den Händen.

Manchmal gibt es jetzt Tage, da bin ich pessimistisch. So müde. Und so pessimistisch. Dann höre ich Trump, mit seinen Beweisen gegen China, und sehe den nächsten Weltkrieg. China gegen Amerika, oder Amerika gegen China. Mit so seltsamen Allianzen wie China und Korea. Ich habe keine Ahnung politisch. Auch Russland könnte sich anschließen. Und wo bleibt dann Europa? Oder Mutter Erde? Wird sie übrig bleiben, unsere Erde, um darin zu wühlen und Blumen zu pflanzen und Samen auszusäen?

Kleine Pflänzchen, die ich jedes Jahr bewundere und bestaune, wenn sie ihre Keimblätter durch die Schicht Erde stoßen, mit solch einer Kraft. Und sich entfalten, mit diesen ersten zwei Blättern, um erst in den nächsten dann ihre Form zu finden, ihre ganz eigentliche Blattform, an der ich sie bestimmen kann, Eigenschaft um Eigenschaft in riesigen Verzweigungsbäumen.

Ich habe mein Wissen verloren, all die Pflanzennamen, die mal gespeichert waren, in meinem Kopf. Aber dieses in-der-Erde-Wühlen, in jedem Frühjahr, in jedem Herbst, das ist mir geblieben. Dieses Auge für das Wunder, wenn überwinterte Pflänzchen und Knollen wieder austreiben, die verstreuten Samen von Ringelblumen und Akelei ihre Würzelchen treiben, sich festwurzeln, ihre Köpfchen heben, die ersten Keimblätter treiben. Und die Akelei vom letzten Jahr bereits wieder Blüten trägt, im Hof, und bald ihre Samen verstreuen wird. Im ewigen Wechsel. Ewig.

Ich könnte schon beinahe wieder optimistisch werden.

Im Hof wird morgen oder übermorgen die erste Rose sich öffnen, vor dem Wein, an der sonnigsten Wand. Wir haben nicht viel Sonne im Hof, ein Berliner Hinterhof. Und es reicht. Für Glück. Und Optimismus.

Vielleicht sollten wir alle ein kleines Beet haben, im Hof. Oder um die Bäume vor den Häusern. Oder wenigstens auf dem Balkon oder vor dem Fenster, am Fenstersims. Ein paar Samen einsäen, gießen, warten. Die ersten Blättchen. Und so viel Kraft, die Erde zu heben. Die Welt zu verändern. Den Planeten zu durchwurzeln, wie der Baobab beim kleinen Prinzen, wenn er ihn wachsen lassen würde. Und bald nichts anderes mehr auf dem kleinen Planeten wäre. Als Baum.

Umarmungen

Heute hat mich eine Oma auf dem Spielplatz umarmt und auf die Wange geküsst. Ich hatte Tränen in den Augen. Es ist nicht erlaubt. Und es war wunderschön! Mein ganzer Körper, jede Zelle hat gerufen: mehr davon, bitte mehr davon!

Ich vermisse die Umarmungen, von Freunden, von Nachbarn, von Müttern und Vätern und Omas auf dem Spielplatz. Ich wollte nicht über all das schreiben, was fehlt zurzeit. Und doch wird es so überdeutlich, sobald jemand das Tabu bricht, die Verordnung übertritt und sich menschlich verhält, zutiefst menschlich. Wir sind soziale Wesen, wir benötigen soziale Kontakte und physische Berührungen, existentiell, überlebensnotwendig, wie jedes Säugetier, auch der Mensch. Und nicht nur als Säugling, sondern immer, die Erwachsenen ebenso. Das ist Nervensystem.

Ich gehe in Richtung Trampolin, dort hüpfen meine Kinder. Plötzlich entdecken sie mich. Mama! Zwei Lockenkinder rennen auf mich zu, in den einen Arm, in den andern. Eine jubelnde Dreierumarmung. Wie schön! UND – ich hätte sie kaum wahrgenommen. Weil ich zurzeit zuviel davon kriege, von diesen Kinderumarmungen.

Aber heute hatte ich eine Freundin getroffen, zum Spazierengehen. Sie stand daneben, als meine Kinder auf mich zu gerannt kamen. Meine Freundin hält sich an die Verordnungen, sie wohnt alleine und vermisst Umarmungen, überhaupt irgend einen körperlichen Kontakt mit andern. Sie stand daneben, als meine zwei Lockenkinder sich an mich pressten, ich sie zurück presste, wir in dieser Dreierumarmung waren. Und plötzlich konnte ich wieder wahrnehmen, wieviel das ist. Welch ein Geschenk! Kinder um mich zu haben, in diesen furchtbaren Zeiten, in diesen zutiefst unmenschlichen Sozialkontaktbeschränkungen.

Sosehr ich mir oft und jeden Tag ein bisschen mehr Raum für mich wünschen würde – und nur für mich, für mich ganz allein – sosehr stand ich in dieser Dreierumarmung und konnte plötzlich wieder das Glück wahrnehmen. Jede Zelle, die sich öffnet. Und atmet. Haut an Haut. Als gäbe es keine Kleider. Fellhaare. Zwei winzige Äffchen, die sich einklammern in mein Fell. Wie warm sie sind. Wie sehr sie beschützt sein müssen, in allen Situationen. Auch in solchen.

Und Schutz könnte bedeuten, sie öfter Umarmungen auszusetzen, Verordnungen hin oder her. Schutz könnte bedeuten, mich selber öfter Umarmungen auszusetzen. Und das schlechte Gewissen einzustampfen. Weil wir nicht überleben können, ohne Umarmungen. Weder ich. Noch die Kinder.

Rhythmus. Musik. Schreiben.

Meine Hände am Stift, ein kleines Wunder. Ich konnte den Stift nie so führen wie man sollte. Den Bleistift, den Füller. Immer war mein Zeigefinger eingeknickt, mit viel zu viel Druck. Der harte Knubbel am Mittelfinger, den ich mir immer wieder abgebissen habe, flachgebissen die ganze Hornhaut. Ich habe gerne Hornhaut gegessen, lange auf den Stückchen rumgekaut. Es hat mich beruhigt. Es beruhigt mich heute noch.

Den Knubbel gibt es immer noch, am Mittelfinger. Auch den eingeknickten Zeigefinger. Nur der Druck ist weniger geworden, weicher. Ich schreibe wieder mit Bleistift, wie als Kind, aber mit Druckbleistift, 0,5, fast ohne Druck. Der Stift gleitet weich. Aber das Aufsetzen, dieses ständige Aufsetzen nach jedem zweiten dritten Buchstaben, wo die Buchstaben nicht nahtlos zusammengehängt sind, dieses Aufsetzen ist hart. Und laut. Und schnell. Ein Klopfen, ein Pochen, ein rasendes Herz. Im Rhythmus des Schreibens. Ganzkörperrhythmus. Der Atem passt sich den Sätzen an. Die Bewegungen der Musik. Wie Flöte spielen oder Klavier oder Cello. Nirgends kann ich still stehen, still sitzen. Nur singend. Wenn ich singe, bewege ich mich kaum. Wenn ich singe, werde ich ruhig.

Sogar die Kinder werden ruhig, wenn ich singe. Statt meine wilden Improvisationen, in den Texten, mit den Stiften. Auf dem Klavier, mit den Tasten. Die Saiten, die sich einschneiden. Das Cello so ruhig, und mein Rhythmus so wild, mit dem Bogen über dem Steg. Mit dem Stift auf dem Papier. Und der Specht, im Baum vor dem Fenster. Mitten in der Stadt. In Berlin.

Wenn ich singen könnte, im Schreiben. Singen, jubilieren. In die höchsten Höhen, in die tiefsten Tiefen. Bis die Tiefe nicht mehr beängstigend ist, sondern einfach nur tief und ruhig und dunkel. Bis ich vielleicht schlafen kann, trotz Corona. Und der Sand rieselt weiter, in meiner kleinen Kindersanduhr. In rosa. Ich habe Zeit zum Schreiben. Zeit zum Singen im Schreiben. Zehn Minuten pro Tag.

Wir alle könnten sie uns nehmen, die Zeit. Zum Singen, zum Schreiben, zum Musik machen. Bis wir wieder ein Lächeln auf den Lippen haben, wenn wir uns begegnen draußen. Noch ohne Mundschutz, zwischen den Bäumen, im Park, zwischen den Häusern, auf der Straße. Ein Lächeln, ein Melodiefetzen, ein Kinderlied. Das leise Grüßen, das leise freundliche Gespräch. Ein feines Nicken, ein Weitersingen. Wir lassen ihn los, den Corona-Stress. Die Spannung. Das Atemanhalten.

Ich schließe die Augen, schreibe blind. Der Stift wird langsam, das Klopfen weich. Der Specht schweigt. Ich werde noch singen, heute, für meine Kinder, wenn ich sie ins Bett bringe. Das Herz ist ruhig. Ich atme wieder.

Der Höhenmesser. Von Großvater.

Heute habe ich den alten Höhenmesser von meinem Großvater gefunden. Er hat damit im Krieg seine Männer durch die Berge geführt. Gebirgsbataillon. Ich sehe ihn ziehen, mit seinen Mannen, in grünem Tuch, über die Gletscher, einer an den anderen geseilt, eine lange Reihe vereinzelter kleiner Zielpunkte auf weißem Feld. Das Seil nass und schwer. Voran mein Großvater, mit Karte und Kompass und Höhenmesser. Mit den Karten im Kopf, jeder Felsen jede Gletscherspalte bekannt. Und doch kann der Gletscher der Fels von Tag zu Tag anders sein.

Drüben, über der Grenze, fällt ein Fliegerpilot. Er hat einen Fallschirm. Aber der Fallschirm brennt. Ein schwarzes Pünktchen fällt ins Eis. Die Italiener haben ihn runtergeholt. Das Flugzeug zerschellt, verschwunden, der Berg schluckt viel, auch einen verbrannten Piloten. Der liegt auf der anderen Seite der Grenze. Mein Großvater führt seine Männer zurück in den Bunker. Feierabend für heute, es dunkelt bereits.

Ich weiß nicht, wie es war, für Großvater, abends wieder in den kalten Bunker zu klettern. Mit solchen Bildern auf der Netzhaut. Ich weiß nur, dass es eine der ganz wenigen Erinnerungen aus dem Krieg ist, die mein Großvater mir erzählt hat. In den Tagen, als er das meiste schon vergessen hatte, sich nicht mehr zurecht fand, mich nicht mehr kannte. Da hat er mir erzählt, von diesem brennenden schwarzen Pünktchen. Das vom Himmel fiel. Und ein Loch in den Gletscher brannte. Während er mit seinen Mannen über die Berge zog, die Grenze sichernd, am Seil verbunden. Und abends neben dem Gletscher in diesen kleinen kalten Bunker kroch, die Stahltür zuzog, als letzter. Den Metallriegel sicherte. Und nicht schlafen konnte, nachts. Ich kann es mir nicht anders vorstellen.

Der Höhenmesser funktioniert noch immer. Ein Thommen. „Qualitätsware“, hätte mein Großvater gesagt. Er wäre stolz auf seinen Höhenmesser, könnte er jetzt sehen, wie genau der Zeiger die 52 Meter anzeigt. 52 Meter über dem Meer. Berlin Wedding. Weit weg von den Bergen.

Das Hörspiel. Die Langeweile.

Plötzlich ist es still. Das Hörspiel ist für die Große. Der Kleine ist ebenso still. Mit riesigen Augen. Bei mir liefen die Hörspiele von kleinen runden Schallplatten. Mit Nadel, die an der richtigen Stelle aufsetzen musste. Und Kratzgeräuschen bei jedem Stäubchen.

Das Anpusten der schwarzen Scheiben. Mit weichem Staubtuch sanft trocken reiben. Wieder auflegen. Die Nadel justieren. Den Hebel umlegen. Und die Spannung, ob die Nadel in der richtigen Rille aufkommt. Damit die Geschichte weitergehen konnte.

Oder die Kassetten. Mit den braunen Bändern. Die wir rausgezogen haben. Und mit dem kleinen Finger zwischen den kleinen weißen Zähnchen dann das Band minutiös, Windung um Windung, wieder aufgezogen.

Das Geräusch des Deckels, am Kassettendeck. Die leicht quäkenden Stimmen der Märchentanten. Und auch ich, große Augen, still gehaltenen Körper, kaum Atem. Und diese Aufregung, nachher, wenn die Geschichte zu Ende war.

Ich erinnere mich an dieses Kribbeln im Blut. Und an das Gefühl von sofortiger tödlicher Langeweile – wenn nicht sofort, sofort!, die nächste Kassette, die nächste Platte, oder wenigstens ein Freund eine Freundin zum Spielen –

Mich an anderem festhalten. Schreibend.

Corona. Ich möchte nicht über Corona schreiben. Von Corona lese und höre ich Tag für Tag. Viel zu viel. Sogar mit meiner Freundin am Telefon haben wir von Corona gesprochen. Fast die gesamte Zeit. All die Corona-Themen, die unseren Alltag durchziehen.

Ich möchte mich fernhalten. Mich an anderem festhalten. Schreibend. Bis tatsächlich wieder anderes auftaucht. Und Corona zurückdrängt. Vielleicht. Mit der Zeit.

Zehn Minuten. Jeden Tag.

Ich werde eine kleine Sanduhr auf meinen Tisch stellen. An manchen Tagen werde ich sehnsüchtig dem Sand beim Rieseln zusehen. An andern Tagen die Zeit vergessen und viel zu viel schreiben.

Lasst euch überraschen. Ich mich auch.

Corona-Blog. Ich auch. Zehn Minuten pro Tag.

Ich bin Schriftstellerin. Mit groß angelegten Romanprojekten. Die auch schon gefördert wurden. An denen ich weiterschreiben möchte. Oder sollte. Und nicht kann. Denn jetzt haben wir Corona.

Corona. Die Kinder zuhause. Den ganzen Tag. Jeden Tag. Ich weiß nicht, wie andere neben Kindern arbeiten können. Abends? Abends bin ich zu müde.

Aber zehn Minuten? Nur zehn Minuten? Müssten zehn Minuten nicht eigentlich drin liegen, auch jeden Tag?

Der Link zu den Beiträgen im Corona-Blog!

Leseproben – gedruckt und online!

Für die Veranstaltung im Berliner Ensemble mit den StipendiatInnen des Berliner Senats habe ich aus dem fertigen Manuskript ‚kastanienhaut‘ sowie aus dem aktuellen Projekt ‚adoptiert‘ einige Leseproben zusammen gestellt. Martina Laux hat sie lektoriert, Maria Busqué hat Booklets gestaltet und Sonja Wüthrich hat wunderbare Titelseiten gemacht. Die Hilfe vereinter Kräfte war wichtig, nun liegen sie tatsächlich gedruckt vor – und sind schön geworden! Vielen Dank an alle, die mir geholfen haben.
Die Leseproben können gerne verschickt werden! Bestellungen bitte per E-Mail.

Berliner Manuskripte 2019

3. November, 11 Uhr
Lesungen und Gespräche mit den Preisträgern des Berliner Arbeitsstipendiums für Autorinnen und Autoren, Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Moderation: Knut Elstermann. Musik: Søren Gundermann und Jacek Fałdyna.
Einladungskarte mit allen Teilnehmenden.

Matinée im Berliner Ensemble, Foyer
11 Uhr – 15 Uhr (mit Imbiss-Buffet)
Eintritt 8 €, ermäßigt 6 €

Lesung aus ‚adoptiert‘

Ich lese aus meinem aktuellen Romanprojekt ‚adoptiert‘ – Abschluss des Literaturmentorats mit Judith Kuckart und gleichzeitig Antrittslesung als Stipendiatin des Berliner Senats. Verrückt und wunderbar, so nahtlos weiter gefördert zu werden!

25. Januar 2019 – 19 Uhr
im SchriftstellerHaus, Berlin
Eintritt frei

Arbeitsstipendium 2019 !

Ingrid Kaech vom SchriftstellerHaus Berlin hat darauf bestanden, dass ich mich mit meinem Romanprojekt ‚adoptiert‘ auch im Sommer 2018 unbedingt (!) um das Arbeitsstipendium vom Berliner Senat bewerben müsse. Ich hatte eigentlich gerade überhaupt keine Zeit… und nun diese Überraschung! Nach 13 Jahren brotloser und bisher unpublizierter Arbeit eine solch große Anerkennung – und so viel Geld – ein ganzes Jahr lang!! Danke Ingrid! Und danke an alle, die seit Jahren an mein Schreiben glauben und mich immer wieder ermutigen.