Zum Krieg.

Dass ihre Großeltern dann doch zusammen geblieben waren, hatte mit dem Krieg zu tun. Er saß plötzlich da oben im Gebirge fest, da konnte sie ihn doch nicht verlassen, meinte ihre Großmutter sechzig Jahre später, immer noch mit Bedauern in der Stimme. Vielleicht wäre das für alle besser gewesen. Sie, die Enkelin, hätte es dann jedenfalls nicht gegeben und sie hätte nicht auf diese Weise unter ihrem Großvater gelitten. Aber hätte er seine Tochter und später die Enkelin denn überhaupt vergewaltigt, wenn er nicht so lange am Berg in eisig kalten Bunkern hätte ausharren müssen? Wenn er nicht mehrfach beinahe verrückt geworden wäre? Und Großmutter, wenn sie wirklich hätte Künstlerin werden können und glücklich-erfüllt in sich selber gelebt hätte, vielleicht hätte Großmutter hinschauen und sogar intervenieren können, Jahre später, bei ihrer Tochter, Jahrzehnte später, bei ihrer Enkelin. Wer wusste schon, was der Krieg angerichtet hatte, in den Familien. Und der Hunger. Die Vorratskeller waren danach immer gefüllt, als drohte der nächste Krieg schon morgen. Noch sie selber, die nie einen Krieg erlebt hat, musste aufpassen, nicht der Vorratshaltung anheimzufallen. Zum Glück hat sie ihren Mann. Der hat mit dem Krieg nichts zu tun.

Das Kind.

Sie wird ihr Kind wiedersehen, das nicht mehr ihr Kind war.

Das Kind hat jahrelang in ihrem Bett geschlafen, jahrelang in ihrem Körper gelebt. Sie konnte das Kind kaum ablösen, von ihrem Schoß, von ihrem Arm, von ihrem Hals, bis es nicht mehr ging, bis sie nicht mehr konnte, und auch das Kind nicht mehr konnte. Bis das Mädchen zurück ging, woher sie gekommen, auch schon Zwischenstation. Nun war sie selber eine Zwischenstation geworden, obwohl sie doch bleiben sollte, Mama auf Lebenszeit, oder Mama bis achtzehn, Langzeitpflegevertrag.

Sie würde ihr Kind wiedersehen, irgendwann, da war sie sich sicher. Das Mädchen war derart tief eingewurzelt gewesen, in ihrem Körper. Es wird sie wieder herziehen, irgendwann. Wenn sie groß genug ist, sich darüber hinwegzusetzen, dass manche im Pflegewesen bei den alten Sätzen bleiben. Es ist besser, wenn du sie nicht mehr siehst. Du musst jetzt zur Ruhe kommen, du wirst sie vergessen. Hier ist jetzt deine Mama. Kinder vergessen schnell, besser, einen Schlussstrich zu ziehen.

Sie kannte die alten Sätze. Sie hielt nichts davon. Sie kannte so viele, die mit diesem „endlich“-Gefühl, mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, auf den Besuch bei der einen oder anderen früheren Pflegefamilie reagiert haben. Weil innen im Körper plötzlich Dinge Sinn machten, ins Lot kamen, zu denen es bisher keine Geschichte, kein Gesicht mehr gab.

Gedächtnisspuren im Körper. Auch ihr Kind, das nicht mehr ihr Kind war, würde diesen Spuren folgen, irgendwann. Und ganz zufällig, am einen oder anderen Tag, ihren Weg wieder kreuzen, um stehen zu bleiben und ihr ins Gesicht zu sehen, in den Körper zu kriechen, mit den Augen, bis sie innerlich wieder angekommen sein würde, in der kleinen Kuhle unter der Decke, in die sie jahrelang genau gepasst hatte.

Nicht verlässlich.

Sie hatten ihre Adresse gefunden. Weil sie sich den einen Kontakt noch offen gehalten hatte, über all die Jahre. Weil sie ihn, der schon fast ein Freund geworden war, nicht aufgeben wollte, nur weil er nicht hat widerstehen können und wieder Kontakt aufgenommen hat mit seinen Eltern, die wahrscheinlich immer noch mit drin steckten. Nun hatte sie die Quittung. Sie hätte den Kontakt abbrechen müssen, spätestens ab der Nacht, in der er ihr erzählt hat, er sei wieder zu seinen Eltern gefahren und wie schön das doch gewesen sei und nun sei er doch endlich nicht mehr allein undsoweiter. Aufgenommen in Muttermund und Vaterpenis, heimgekehrt in den tiefsten Schoß. Nun hing sie auch wieder mit drin, bis weit nach Italien hinein. Und sie hatte doch gehofft, sie wäre draußen. Beim nächsten Umzug wird sie auch ihren Namen ändern müssen. Und mit keinem, KEINEM mehr telefonieren. Es gab keine Freunde, nicht in diesem Feld. Sie waren alle unberechenbar und nie verlässlich. Auch sie. Vielleicht hatte sie ihre Adresse selber rausgegeben. Sie traute sich nicht.

Einrad fahren.

Sie hat ihr Einrad aus dem Keller geholt. Sie kann es noch, es geht! Diese Freude im Körper. Und die Erinnerung an den Freund, der zwei Tage lang mit ihr die Straße auf und ab gelaufen war, ihre Hand auf seiner Schulter. Mit dem Einrad ist sie meist in den Wald gefahren. Wer sie nicht kannte, hat sie für einen Jungen gehalten, mit den kurzen Haaren. Mädchen hatten lange Haare zu haben. Mädchen fuhren auch kein Einrad. Und Mädchen hatten keine Hosen zu tragen. Dass sie sich keine Kleider und Röcke mehr anziehen ließ, seit sie sich handgreiflich wehren konnte, war ständiges Streitthema. Mutter fand ihre Fußballerbeine hässlich und die Kellerkleider furchterregend. Sie hatte sich etwas anderes vorgestellt. Wenn schon nicht einen Sohn, dann wenigstens eine anständige taugliche Tochter. Tauglich wofür? Fürs Verheiraten? Aber verheiratet wurden die Töchter schon lange nicht mehr. Wozu dann die Kleider? Für die Väter und Großväter? Sie kann böse werden, heute noch. Sie war nie nett genug, für Kleidchen.

mit nichts drin.

deine Texte und Briefe sind wie schönes Geschenkpapier. mit nichts drin.

sie erinnert sich an den Jungen, der das gesagt hat. zwei Kinder, die ein bisschen Sex ausprobiert haben. und ein paar Briefe hin und her geschrieben.

in manchen von ihren Texten ist noch heute kein Inhalt. nur Sprache. und Rhythmus.

den Inhalt darf keiner sehen. wenn es um Sex geht, noch weniger.

für den Jungen ging es um Sex.

Krieg. Und Geld. Als wäre es dasselbe Wort.

Er hat in der Waffenfabrik gearbeitet. Hochpräzisionsinstrumente entwickelt. Und sehr viel Geld verdient. Mehr als andere in ähnlichen Berufen anzuhäufen pflegten.

Nach dem Krieg ist er nach Deutschland gefahren. Nach Köln. Von Köln stand kaum noch etwas. Er wollte sofort wieder nach Hause. Danach ist er nie mehr verreist.

Den Engländern hat er Material entwickelt, auch lange noch nach dem Krieg. Sie weiß nur, dass er stolz war, ein Leben lang, auf seine Präzision. Hochpräzision, wie er sagte.

Sie wollte immer mal nachforschen, was genau er entwickelt hatte. Und wofür es verwendet wurde. Aber jetzt will sie es lieber nicht mehr wissen.

Sie hat das Geld geerbt. Jetzt muss sie zusehen, wie sie es vom Krieg trennt.

adoptiert

Sie war adoptiert. Sie wusste das. Natürlich. Ihre Eltern gingen immer offen damit um. Sie war mit sechs in die Familie gekommen. Mit sechs Jahren. Sie nannte das ihre Geburt. Ich wurde mit sechs geboren. Die Leuten lachten dann. Ihre Mama korrigierte sie. Freundlich, aber bestimmt. Es blieb dennoch dabei, sie konnte das gar nicht anders sagen. Sie hatte keine Erinnerung an diese ersten sechs Jahre ihres Lebens. Sie wusste nicht, wo sie in die Kita gegangen war und wer ihre Freunde gewesen waren. Sie hatte keine Bilder von solchen Freunden. Sie wusste nicht, wie sie selber ausgesehen hatte, mit zwei, oder drei. Ob ihre Haare vielleicht früher blond waren, die Augen blau, wie bei anderen Kindern, oder immer schon braun. Heute hat sie braune Haare, braune Augen. Und weiß nicht von wem. Sie hat dieses unbestimmte Gefühl, dass sie es auch nicht wissen möchte. Mehr war da nicht. Jedes Mal, wenn ihre Mama mit ihr davon sprach, dass sie ja schon viel erlebt hätte, auch schon viel Schlimmes, dann hört sie plötzlich nicht mehr zu. Sie sieht Mama sprechen, die Lippen bewegen, kein Ton kommt bis zu ihr. Sie spielt oder zieht sich ein Buch in die Nähe, die Mama fragt, hörst du mir zu, sie nickt, irgendwie kann sie solche Fragen immer hören, vielleicht, weil so viel Nachdruck darin liegt, ansonsten verfließt alles. Sie kann sich an kein einziges Gespräch erinnern, sie wüsste nicht, dass ihre Eltern ihr je etwas Konkretes erzählt hätten, von der Zeit davor. Daher bleibt es dabei, auch wenn die Mitschüler lachen. Sie erzählt es mit einem gewissen Stolz. Ich bin mit sechs Jahren geboren worden. Ich bin adoptiert.