Es geht wieder los.

Es geht wieder los. Wir dürfen nicht mehr ins Umland, mit unserem Bus. Nirgends mehr übernachten, auch nicht einsam und allein im Wald. Wir könnten die Rehe anstecken, in Brandenburg, in Mecklenburg, die Möwen am Meer. Wir dürfen nicht. Wir sind Risikogebiet. Wir. Und gleich ein Kollektiv. Ich fühle mich nicht als Kollektiv. Ich bin nicht Risiko. Im Gegenteil. Ich habe meine Praxis wieder offen, ich begleite Menschen, denen es nicht gut geht, denen es in solchen Zeiten noch weniger gut geht. Ich bin kein Risiko. Ich will nicht Risiko sein. Ich will nicht, dass Menschen, die auf einem Gehweg an mir vorbeigehen (müssen), wegsehen, den Atem anhalten, sich abwenden, weil sie sich anstecken könnten. All diese fehlenden Augenkontakte, all diese fehlenden kleinen tagsüber Lächeln, die wir früher wie selbstverständlich eingesammelt haben, meine Kinder sowieso, ich wenn es mir gut ging. Keiner sieht sich mehr an. Risiko, man könnte sich anstecken. Wir bleiben nicht nur in der Stadt sitzen, gezwungenermaßen, auch in den Ferien, die Kinder zuhause. Wir bleiben auch auf den Gehwegen unter uns, atemlos, in uns drinnen eingesperrt.

Heute habe ich eine kleine Übung mitgemacht, von Kathy Cain, einer Traumatherapeutin in Australien. Online, als würden wir alle beieinander sitzen. Ich habe an Corona gedacht, dass wir nicht mehr wegfahren dürfen, dass auch meine liebste Gruppe wieder online stattfinden wird statt in echt, dass die Menschen mich nicht mehr anlächeln. Und mich gleichzeitig geübt darin, die Spannung loszulassen, das Atemanhalten, das Festhalten in meinem Körper, dieses ständige mich dagegen wehren.

Je mehr ich wieder geatmet habe, je mehr meine Zellen wieder geatmet haben, desto mehr Tränen liefen mir übers Gesicht. Aber lieber die Trauer spüren als gar nichts mehr spüren, Einzelwesen, ohne Kontakt, nicht mal mehr zu mir selber. Ich bin den Tränen dankbar. Ich fühle mich wieder. Auch wenn es schrecklich ist. Und traurig. Dass wir alle so allein sind. Und nicht mehr rausfahren dürfen, aus der Stadt.