Nachrichten lesen.

Nachrichten lesen. Und dann gar nichts mehr können. Nicht mehr atmen. Nicht mehr lesen. Nicht mehr schreiben. Nicht mehr denken. Er rief seinen Neffen an, mit dem hatte er sich immer gut verstanden, sie waren in vielem einer Meinung, auch Corona und politisch. Seine Frau teilte ihm mit, dass er auf der Intensivstation liege und sie ihn mit den Kindern nicht mal mehr besuchen dürfe. Es sieht nicht gut aus. Er setzt sich hin und nimmt sich die Nachrichten nochmals vor. Die Wahlen in den USA. Die Corona-Maßnahmen. Der Terror in Wien. Und andernorts. Und hier. In seinem Gehirn. In seinem Gedärm. Er setzt sich auf Toilette. Und lässt es hinausschießen. In Strahlen. Schwallweise. Seit den Nachrichten der letzten Tage kommt er kaum noch vom Klo herunter. Heute ist ihm zum ersten mal schlecht. So richtig schlecht. Und er wollte doch gar nicht brechen, heute. Er wollte mit seinem Neffen telefonieren. Sich kurzschließen, mit einem Verbündeten. Nicht mehr allein sein und verloren. Und nun auch dieser. Wie soll er das aushalten. Falls der das nicht überleben sollte. Nein. Gar nicht daran denken. Aber woran dann. An die Nachrichten durfte er auch nicht denken. An seinen Sohn auch nicht, dem ging es weiterhin schlecht, der war jetzt in der Geschlossenen, würde da wohl auch noch eine Weile bleiben. Er ging ihn nicht besuchen, was sollte er ihm auch sagen, von der Welt auf der anderen Seite der Gitterfenster. Es gab gerade nicht so viel Gutes zu erzählen. Und seine Ex-Frau? Die Mutter seines Sohnes? Vielleicht sollte er seine Ex-Frau anrufen. Seit der Sohn volljährig geworden war, gab es keinen Kontakt mehr zwischen ihnen. Sie würde ihn verstehen, sie kannte ihn, er wäre nicht mehr ganz so allein. Aber sie hatte Vorerkrankungen. Risikogruppe. Nein. Was, wenn von der Seite jetzt auch noch eine Hiobsbotschaft kam. Plötzlich steckte er mitten in der Bibel. Hiob. Mitten in der Kindheit. Mitten in der Kirche. Wenn er sich verneigen könnte, vor einem Kreuz. Es gab kein Kreuz mehr, nicht für ihn. In dieser Nacht, heute, weiß er nicht, ob er weiterleben kann. Bitte helft ihm. Wo immer ihr ihm begegnet.