Sie kann das.

Sie kann das. Sie weiß das. Sie weiß das schon lange. Sie konnte das schon immer, sie hat schon als Kind gesungen. Sie hat auch bereits als Kind gewusst, dass sie singen kann, dass sie gut singt. Oder vielleicht hatte sie es als Kind zum letzten Mal gewusst. Bevor alles andere kam. Nicht gut genug, nicht schön genug, nicht ganz richtig so, andere können besser. Nicht stabil genug, für den Beruf, noch nicht mal für die Ausbildung.

undsoweiter.

Sie versucht, sich dieses Gefühl wieder herzuholen. Wie es gewesen war, zu singen, mit innerster tiefster unzweifelhafter Sicherheit, dass sie wunderschön sang, dass alle zuhörten, dass alle lächelten und sich freuten. Alle.

nur Mutter nicht.

Damals hatte sie das ignorieren können. Dass Mutter niemals zufrieden war. Als wäre Mutter nicht ihre Mutter. Und heute, wo sie lange schon tot ist, hört sie dieses Nörgeln, dieses Unzufriedensein, die ständige Kritik, das nie gut genug, ohne ein Lächeln, ohne ein Zeichen des Liebhabens. Im Tonfall so genau, als säße die Mutter in der Bank hinter ihr, harte Holzbänke, Kirche, und das leise Zischen, das mahnende Raunen, der Tritt unter der Bank hindurch.

Sie hatte das gekonnt, als Kind. Singen. Sie hatte nie in Frage gestellt, dass sie singen würde. Auf der Bühne, als Sängerin. Dass sie berühmt werden würde. Und glücklich. Und zufrieden.

Mutter war lange schon tot. Es wurde Zeit, dass sie wieder zu singen begann. Auch wenn es vielleicht dauern würde, ihre Stimme wieder auszugraben. Und sie nicht mehr ganz gleich klingen würde, jetzt, mit siebzig.

Sie stand auf, aus dem Bett, zum ersten Mal seit vielen Tagen. Stellte sich hinaus, auf den Balkon. Und begann zu singen. Öffentlich. Quer über den Platz. Sie hatte sich lange nicht mehr so gut gefühlt. Als könnte sie nochmals zu leben beginnen.