Sie versucht, sich zu erinnern.

Sie ging Brötchen holen, Sonntag früh, zum ersten Mal allein. Gerade sechs geworden, ein schönes Mädchen. Und kam nicht wieder nach Hause.

Sie versucht, sich zu erinnern, wie das damals war, zu verschwinden. Wie leicht, in gewisser Weise. Der fremde Hausflur, die offene Tür. Und sich mitten in die Familie gesetzt. Die Familie war nett, die Familie war riesig. Auf ein Kind mehr oder weniger kam es nun auch nicht an. Wenn das Jugendamt kam, hielt sie sich versteckt. Das Jugendamt kam oft, solche Großfamilien sind suspekt, mehr als ihre eigene das je war. Aber sie haben sie nie gefunden, all die Jahre nicht. Die Familie hat ihr die Haare gefärbt, tiefschwarz, und sie gestreckt, geglättet. Keiner hätte sie erkannt. Sie glich ihren drei Schwestern aufs Haar. Alle diese schwarzen langen Haare, helle Haut und blaue Augen. Blau und schwarz. Keiner im Haus hat ihr je eine Frage gestellt. Sie wurde gemeldet, als ein bisher bei den Großeltern im andern Land noch gelebtes Kind. Mit einer Geburtsurkunde, woher auch immer die Familie sie hergekriegt hatte. Sie konnte bleiben, als Schwester von drei Schwestern. Als Kind der Familie ging sie zur Schule, keiner hat sie dort je gesucht. Sie galt lange als vermisst. Irgendwann haben ihre Eltern sie totschreiben lassen.

Sie lehnt sich zurück. Sie erinnert sich gern an ihr Verschwinden. Sie telefoniert noch heute fast täglich mit der ein oder andern von ihren Schwestern. Zwei von ihnen sind ins andere Land gezogen, „nach Hause“, obwohl sie vorher nie dort gewesen waren. Eine lebt in Deutschland, wie sie, ganz in der Nähe. Sie sehen sich oft. Dass sie nicht Schwestern sein könnten, kommt ihnen kaum je noch in den Sinn. Wenn sie sich daran erinnern, lachen sie. Lange und tief und warm.