So langsam geht es ihm an die Nieren.

Masken. Testzwang. Eingeschlossensein. So langsam geht es ihm an die Nieren. Die Impfung bringt keinerlei Erleichterungen. Er dachte, nun endlich dürfte er sich wieder frei bewegen. Fehlanzeige. Selber entscheiden, welchem Risiko er sich aussetzen will? Fehlanzeige. Die dicke Maske muss sein, obwohl er andere auch durch die OP-Maske ausreichend schützt – und sich selber, sich selber schützt er mit dem dicken Stoff überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wenn er nicht mehr atmen kann, nicht mehr so richtig, dann wird es schnell eng in ihm. Das können viele gar nicht so richtig nachvollziehen. Manche tragen klaglos ganze Tage die FFP2-Masken und haben nicht das Gefühl, darunter zu leiden. Während er mit Panik kämpft, wenn er nur einmal schnell durch den Laden zum Milchregal rennt und zur Kasse und wieder raus. Wenn die Schlange im Kassenbereich zu lang ist, stellt er seine Milch ins Schnapsregal oder zu den Süßigkeiten und rennt auf die Straße. Für ihn ist die Maske keinesfalls eine kleine Misslichkeit, die es in Kauf zu nehmen gilt für das große Ganze. Für ihn ist das lebensbedrohlich. Er hat mit einem richtigen Panikanfall auch schon mal aufgehört zu atmen, nach ausreichend Hyperventilation, er möchte eine solche Kante am Todesrand nicht nochmals erleben. Oder nicht so schnell jedenfalls. Seither ist Atemnot wahrscheinlich noch ein wenig bedrohlicher geworden, für sein inneres Alarmsystem. Da kann er nichts dafür. Mit der Maskenbefreiung kommt er auch nicht mehr durch. Drei Security-Leute sind ihm kürzlich im Drogeriemarkt hinterhergerannt, haben ihn lautstark beschimpft und handgreiflich auf die Straße gestellt. Ärztliches Attest hin oder her. Seither rennt er mit Maske durch die Läden, falls seine online-Bestellung Fehlartikel enthielt – oder die nächste Lieferung noch zu weit weg. Kurzfristig kann man sich ja schon lange nichts mehr liefern lassen. Für wen dokumentiert er das alles eigentlich? Für die Menschen, die nach Corona kommen? Die sich nicht mehr werden vorstellen können, dass man mal mit dicker Haut vor dem Mund rumgelaufen ist, kaum atmen konnte und sich jeden zweiten Tag Stäbchen bis zu zwei Zentimeter weit in die Nase hochgeschoben hat und mindestens zehnmal ringsum gedreht über mindestens fünfzehn Sekunden pro Nasenloch. Undsoweiter. Manchmal möchte er Mäuschen spielen und als Archäologe auf all die Schichten nie verrotteter Masken und Stäbchen stoßen. Allüberall. Und sich eine Geschichte ausdenken, was damals wohl gewesen sein mag, was für eine Mode, oder Kultur, oder Religion.