Jetzt reicht’s.

Jetzt reicht’s. Aber was genau eigentlich. Keiner kann definieren, was genau bei ihm oder ihr das Fass zum Überlaufen gebracht hat, wie man so schön sagt. Aber dass es so ist, dass es jetzt reicht, dass dieses ewige Hin und Her und dann doch wieder verschärfen und auf Kosten der Einzelnen und der Eltern und Kinder und überhaupt. Nein, was genau, ich weiß es auch nicht, er auch nicht, du auch nicht. Nur DASS es reicht. Und zwar gründlich. Und DASS es furchtbar ist, auch das wissen alle. Keiner kann mehr, keiner mag mehr. Vielleicht mag es immer noch richtig sein. Oder auch nicht. Aber auch das mag kaum einer mehr diskutieren. Sogar dort, wo die Meinungen auseinander gehen, haben sich die Diskussionen abgewetzt. Die Leute stehen wieder zusammen, die vorher auf Extrempositionen gegeneinander waren. Keiner weiß mehr so recht, was eigentlich gerade seine Position ist, wohinter er, sie, ich, du, ganz persönlich, überhaupt noch stehen können, stehen wollen. Die Extremsten in allen Richtungen beginnen, sich wieder zusammenzufinden. Über diesem einen kleinen Satz, der in sich auch keine geringste Änderung oder Lösung enthält. Aber aus tiefster Seele kommt. Jetzt reicht’s.

So langsam geht es ihm an die Nieren.

Masken. Testzwang. Eingeschlossensein. So langsam geht es ihm an die Nieren. Die Impfung bringt keinerlei Erleichterungen. Er dachte, nun endlich dürfte er sich wieder frei bewegen. Fehlanzeige. Selber entscheiden, welchem Risiko er sich aussetzen will? Fehlanzeige. Die dicke Maske muss sein, obwohl er andere auch durch die OP-Maske ausreichend schützt – und sich selber, sich selber schützt er mit dem dicken Stoff überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wenn er nicht mehr atmen kann, nicht mehr so richtig, dann wird es schnell eng in ihm. Das können viele gar nicht so richtig nachvollziehen. Manche tragen klaglos ganze Tage die FFP2-Masken und haben nicht das Gefühl, darunter zu leiden. Während er mit Panik kämpft, wenn er nur einmal schnell durch den Laden zum Milchregal rennt und zur Kasse und wieder raus. Wenn die Schlange im Kassenbereich zu lang ist, stellt er seine Milch ins Schnapsregal oder zu den Süßigkeiten und rennt auf die Straße. Für ihn ist die Maske keinesfalls eine kleine Misslichkeit, die es in Kauf zu nehmen gilt für das große Ganze. Für ihn ist das lebensbedrohlich. Er hat mit einem richtigen Panikanfall auch schon mal aufgehört zu atmen, nach ausreichend Hyperventilation, er möchte eine solche Kante am Todesrand nicht nochmals erleben. Oder nicht so schnell jedenfalls. Seither ist Atemnot wahrscheinlich noch ein wenig bedrohlicher geworden, für sein inneres Alarmsystem. Da kann er nichts dafür. Mit der Maskenbefreiung kommt er auch nicht mehr durch. Drei Security-Leute sind ihm kürzlich im Drogeriemarkt hinterhergerannt, haben ihn lautstark beschimpft und handgreiflich auf die Straße gestellt. Ärztliches Attest hin oder her. Seither rennt er mit Maske durch die Läden, falls seine online-Bestellung Fehlartikel enthielt – oder die nächste Lieferung noch zu weit weg. Kurzfristig kann man sich ja schon lange nichts mehr liefern lassen. Für wen dokumentiert er das alles eigentlich? Für die Menschen, die nach Corona kommen? Die sich nicht mehr werden vorstellen können, dass man mal mit dicker Haut vor dem Mund rumgelaufen ist, kaum atmen konnte und sich jeden zweiten Tag Stäbchen bis zu zwei Zentimeter weit in die Nase hochgeschoben hat und mindestens zehnmal ringsum gedreht über mindestens fünfzehn Sekunden pro Nasenloch. Undsoweiter. Manchmal möchte er Mäuschen spielen und als Archäologe auf all die Schichten nie verrotteter Masken und Stäbchen stoßen. Allüberall. Und sich eine Geschichte ausdenken, was damals wohl gewesen sein mag, was für eine Mode, oder Kultur, oder Religion.

Seine alte Mutter.

Seine alte Mutter. Sie ist gar nicht sehr alt, aber sie fühlt sich alt, oder durch ihr Alter gefährdet. Euch Jungen wird es ja nichts ausmachen, aber wir Alten, wir nippeln dann ab oder was. Nein nein, das will sie um keinen Preis. Sie hat sich früh verrenten lassen, ist mit ihren 63 Jahren glücklich im Ruhestand, und den will sie sich jetzt nicht gefährden lassen. Durch nichts und niemanden. Nicht mal seine Neffen und Nichten will sie sehen, ihre Enkelkinder. Das kann er nun ja gar nicht mehr verstehen. Die Familie seines Bruders hat sie ein paar Monate lang noch immer mal unten auf der Wiese vor dem Haus besucht, mit Masken und Abstand und draußen, kein Kuscheln für die Kinder, Fußballspielen und Frisbee, aber immerhin die Oma sehen, ihr Lachen hören. Aber seit Juli bereits weigert sie sich, noch auf die Wiese vor das Haus zu kommen. Sie hat die Einschulung ihres ältesten Enkels verpasst, obwohl die draußen stattfand, mit viel Abstand zwischen den einzelnen Familien und Maskenpflicht für die Erwachsenen, mitten im Sommer. Nein, zur Einschulung kann ich leider nicht kommen, wo denkt ihr hin, ihr wollt mich wohl noch ins Grab bringen. Er konnte das schon lange nicht mehr hören. Einkaufen ging sie ja auch, mit Maske. Wieso sollte sie ihre Familie nicht mehr treffen, mit Maske. Er wollte sie nicht mehr verstehen, er gab sich nicht mal mehr Mühe. Sollte sie sich einigeln. Er hatte sie jetzt auch bereits seit acht Monaten nicht mehr gesehen, obwohl er seit langem wieder in ihrer Stadt wohnte. Und wenn sie jetzt sterben sollte, an was ganz gewöhnlichem oder trotz aller Vorsicht an Corona, und sie hatte seit Monaten keinen von der Familie mehr gesehen. Für wen, bitte schön, sollte das denn gut sein. Nein. Er wollte sie nicht verstehen. Er weigerte sich, noch mit ihr zu telefonieren. Wenn er nicht auf den allerersten Impfzug aufsprang, oder sich doch mal mit einem Freund im Park zum Bier traf, war er ja schon Corona-Leugner und schuld an der ganzen Misere, wegen solchen wie ihm war der ganze Spuk nicht schon lange vorbei. Das gab er sich nicht mehr. Nein danke. Aber ja, das hätte er trotz allem nicht gedacht, dass es nach fast vierzig Jahren Mutter-Sohn in leidlich gutem Verhältnis noch zu solch einem Zerwürfnis, einem regelrechten Bruch kommen konnte. Er war sich nicht sicher, wenn diese ganze Sache irgendwann vielleicht dann doch ausgestanden sein sollte, ob diese Kluft zwischen ihnen sich je wieder würde schließen lassen. Im Moment hätte er nicht mal mehr sagen können, ob er es überhaupt noch wollte.

Party.

Party. Ist das real? Sie lehnt sich zurück, allein im Dachgeschoss der Nachbarn, ein kleines Büro mit Sternenblick. So richtig abtanzen, das wird sie sich nicht trauen, das weiß sie jetzt schon. Wegen der Leute unter ihr, auch wenn sie ihr versichert haben, dass es sie nicht stören würde. Sie weiß trotzdem, dass sie jeden Sprung und jedes Aufstampfen hören werden. Aber wenigstens sich ein wenig wiegen, im Takt der Musik. Ein Glas Wein in der Hand. Sich Wiegen im Takt von zweihundert sich wiegenden Menschen. Mit Gläsern in der Hand, oder ohne. Sanft tanzend, oder wild. Zweihundert! Online! Sie ist sich sehr bewusst, dass es ihr nie das richtige Tanzen ersetzen wird. Niemals! Tanzen gehen, der Geruch schon nur, Aufregung, Schweiß, Holzboden, Menschen, Getränke, die Lautstärke, der Sauerstoffmangel, Knabbereien am Rand. Die Oliven, der Fetakäse. Solche Dinge hat sie sich auch gerichtet, heute. Der Geruch stimmt trotzdem nicht. Es riecht nach muffigem Dachkammerbüroraum. Aber besser als unten mit den Kindern ist es allemal. Sie ist aufgeregt wie vor einer richtigen Party. Oder mehr noch. Soll sie das Video anmachen oder schwarze Fläche bleiben, sie weiß es noch nicht. Aber dabei sein, das will sie jetzt. Das hat sie sich versprochen. Und ihrer Freundin, die ihr gut zugeredet hat, seit Wochen schon, dass sie dringend etwas für sich selber tun müsse. Die ihre Ausreden nicht mehr hatte gelten lassen, dass das zurzeit ja alles gar nicht möglich sei. So hatte sie den Link aufgerufen, sich im Vorfeld registriert, einen zoom-Link erhalten, wie das heute alles so ist. Und gleich wird sie tanzen, mit zweihundert anderen.

Tumor.

Er weiß nicht, ob sich die Anstrengung lohnen wird. Er geht weiter mit dem Hund. Er geht weiter zur Bestrahlung. Er lässt seine Haare ausgehen und wieder wachsen. Er geht mit dem Hund. Er grüßt die Nachbarn. Manchmal spricht er mit jemandem. Die Sonne scheint, die Blumen blühen. Krokusse, Osterglocken. Bald ist Ostern. Was verspricht das Osterfest? Manchmal weiß er die einfachsten Dinge nicht mehr. Die er in der Sonntagsschule gelernt hat, als Kind schon. Manchmal vergisst er, aufzustehen. Zum Glück hat er den Hund. Und den Wecker am Handy. Der ihn losschickt, zur Bestrahlung, zur Chemo, zum Arzt, zur Apotheke. So viele Termine, seit er in Rente ist. Das hat er sich anders vorgestellt. Und doch geht er weiter mit dem Hund. Morgens und mittags und abends. Grüßt die Nachbarn. Manchmal wechselt er ein paar Worte. Er kann noch lächeln. Die Menschen mögen ihn. Kaum einer weiß, wie es ihm geht. Man sieht es ihm nicht direkt an. Dass er ein wenig dünner geworden ist, vielleicht, aber das steht ihm eher gut. Wie er sich fühlt, innen, das will er eigentlich keinem zeigen. Er ist müde. Er mag nicht mehr essen. Aber er geht mit dem Hund. Und sieht die Blumen. Frühling. Die Sonnenstrahlen. Die Wärme. Manchmal kann er genießen. Kleine Momente lang.

Die Sicht verschwimmt.

Die Sicht verschwimmt. Das ist immer das erste Anzeichen. Danach erkennt er die Menschen nicht mehr, erinnert sich nicht mehr an ihre Namen, kann keine geraden Sätze mehr bilden. Am besten verschwindet er dann ins Bett, unter die Decke, dort fragt ihn auch keiner mehr nach einem Wort, das er nicht mehr finden kann, in seinem seltsamen Kopf. Als Kind hatte er sich das als seltsames Gewächs im Gehirn vorgestellt, das größer und größer wird, an manchen Tagen auf die Augen drückt, an andern auf die Wörter, oft auf alles gleichzeitig. Und das ihm einredet, nichts wert zu sein und sich umzubringen am besten. Theorien, wer ihm nächtlich das Gewächs ins Gehirn gepflanzt hatte, waren damals viele in seinem Kopf unterwegs, wilde Geschichten, an die er sich heute nicht mehr erinnern kann. Es waren meistens Ärzte, das wusste er noch, Ärzte aus der Nachbarschaft, da gab es so einige. Wie und wo und wann genau sie das aber gemacht hatten, dieses Gewächs in seinen Kopf zu pflanzen, das wusste er nicht mehr. Auch an die Namen der verschiedenen Ärzte konnte er sich nicht mehr erinnern. Sein Großvater war auch so einer. Dessen Namen kannte er noch. Aber die waren so oder so alle schon tot, die konnte er nicht mehr fragen. Und heute glaubte er auch nicht mehr so recht an die Geschichte mit dem Gewächs im Gehirn, an die Geschichte mit seinem seltsamen Kopf. Irgendwie hatte er diese Geschichte immer gemocht, sie hatte ihn auch ein wenig zu etwas Speziellem gemacht, nicht nur seltsam, sondern auch speziell. In gewisser Weise ein Wunder für die Wunderkammer. In Formalin einlegen und in Glas einschließen. Das wäre auch eine Variante gewesen. Stattdessen hatte er sich entschieden, weiter zu leben, der Stimme zum Trotz. So lebt er heute noch. Heute sprechen die Leute eher von Dissoziation und traumabasierter Amnesie. Viel logischer und schlüssiger als seine damaligen Kindergeschichten ist das alles für ihn keinesfalls. Nur weniger abenteuerlich, weniger wild. Eigentlich schade.

eine Blase um mich

Er hat eine kleine Blase um sich. Viel Platz bleibt ihm nicht mehr. Aber immerhin. Er hat keine Lust, sich noch weiter die Nachrichten anzuhören. Er wird auch nicht beginnen, sich vor jedem Treffen mit Freunden zu testen. Oder einen Impfnachweis mit sich rumzutragen. Oh nein. Er bleibt schön mal zuhause in seiner Blase. Home office, Essenslieferungen, den ein oder andern Videochat mit einem Kollegen, abends ein Bier auf dem Sofa, Netflix, so lässt sich leben. Oder überleben. Auf alles andere hat er keine Lust mehr. Manchmal fürchtet er, dass es nie ein Ende nimmt, oder dass er nicht mehr rauskommen wird aus seiner Blase, wenn es endlich vorbei sein wird. Aber dann schaut er sich noch einen weiteren Film an, trinkt noch ein weiteres Bier. Ein paar Chips, ein wenig Schokolade. Er ist sicher nicht der einzige, der zurzeit so lebt. Zum Glück hat er keine Kinder, muss keine Entscheidungen treffen, täglich, wen sie sehen dürfen und wen nicht, oder trösten, wenn einer nicht zum Kindergeburtstag kommt. So allein kann er ruhig noch ein wenig länger allein sein, sich einsperren in seiner Blase, sich schützen vor den Forderungen der Verantwortungsvollen. Er wird sich nicht testen lassen. Auch wenn er dann nicht zurück an den Arbeitsplatz darf. Hier zuhause ist doch alles in Ordnung. Lasst ihn doch einfach alle in Ruhe. Danke.

freundliche Geschichten

Wie war das schon nur, mit den freundlichen Geschichten? Bachmann, Malina. Ein schönes Buch für Milan. Anna erinnert sich nicht genau. Aber so ähnlich, oder? Auch die Bachmann hätte gerne einmal (einmal!) ein schönes Buch geschrieben. Da Anna so lange nicht mehr geschrieben hat, wühlt sie wieder im Dreck. Das ist immer so, wenn sie wieder zu schreiben beginnt. Als wäre sie zwanzig und würde zum ersten Mal die Wut der späten Pubertät zu Papier bringen. Wann immer sie lange Pausen hat, im Schreiben, entsteht wieder lauter Dreck. Oder was mutter „Dreck“ nennen würde. Und es auch immer noch tut, jeden Tag, innen, in ihr. Anna weiß viel zu oft nicht, was sie selber eklig findet und was wieder die Stimme von mutter ist. Sie wird mutter immer hören, da gibt sie sich keinen Illusionen hin. Sie war nun mal ein schlimmes Kind gewesen, direkt von Anfang an, von der ersten Nacht an quasi, weil sie nicht durchgeschlafen hat, als Neugeborenes, und auch keine vier Stunden durchgehalten hat. Und geschrieen. Geschrieen geschrieen geschrieen. So ein Kind kann man ja nicht lieb haben. Geschweige denn aushalten. Noch heute wird Anna wütend, wenn sie ältere Leute sagen hört, oh, ist das ein braves Baby. Brav!, als könnten Babys brav sein – oder nicht brav. Sie jedenfalls, geborene Anna Gehrens, Gehrens wie ihr Vater, Anna wie ihre Urgroßmutter, sie jedenfalls war von Anfang an schlimm gewesen. Mit gaaanz viel Dreck. Auch das von Anfang an. Kein einziges Sonntagskleid, das auch nur einen halben Tag lang sauber geblieben wäre. Manchmal nicht mal heile. Sonntagskleidchen. Sonntagsmanieren. Anna Gehrens könnte spucken. Wie so oft fragt sie sich wieder, ob ihr Buch je ein Buch werden wird. Mit so viel Dreck und Spucke. Anna hat das alte Manuskript hervorgeholt, die Zeilen von vor fünfzehn Jahren. Weil sie gerade so viel Zeit hat. Mit dem Cello ist nichts mehr los, keiner bucht sie, sie hat längst Grundsicherung beantragt. Wie damals. Und das ist doch alles lange her. Doch nun hat sie wieder Zeit. Sie blättert durch die Seiten, vierhundert Druckseiten Rohtext, und beginnt zu streichen, zu ergänzen, neu zu formulieren. Vielleicht hat Grundsicherung auch etwas Gutes. Sie muss sich um nichts mehr kümmern, nicht mal mehr ums Essen, das holt sie bei den Engeln, alles andere kann sie sich nicht mehr leisten. So hat sie Zeit, die Anna Gehrens, seit langem zum ersten Mal. Das Cello schweigt. Und Anna schreibt, schreibt um, zweifelt, schreibt neu, streicht, zweifelt, schreibt weiter.

Ein letzter Fick für heute

(! Trigger !)

Die Kinder in der Badewanne. Sie ist froh, die Stimmen zu hören, auch wenn sie mal wieder streiten. Solange sie streiten, sind sie nicht ertrunken. Sie wird den Teufel tun und gucken gehen. Sollen sie streiten. Sie will ihre Ruhe haben und nochmals einen Fick anschauen. Einen noch. Einen letzten für heute, versprochen. Sie würde sich abends mit den Kindern ins Bett legen, das mochten die beiden, und wenn sie hoffentlich gleich mit einschliefe, dann wäre sie nicht mehr gefährdet, doch wieder online zu gehen, obwohl sie es sich so sehr vorgenommen hatte. Nur noch einen, für heute. Obwohl ihr Schambereich schon wund war. Sie konnte es nicht lassen, ihre Finger hineinzustecken, so tief wie möglich, trotz der frisch gemachten Nägel. Das war keine gute Idee gewesen, sich die Nägel machen zu lassen, weil man endlich wieder Nägel machen lassen konnte, für kurze Zeit vielleicht nur, mit Termin. Seit dem Lockdown war sie immer weiter abgedriftet. Sie hatte nicht mal überlegt, dass das mit den Nägeln ein Problem werden könnte. Sie hatte sich nach zwei Tagen mit den neuen Nägeln den alten Gürtel von Opa rausgesucht und hinter dem Rücken mit viel Mühe geschlossen, damit sie heute vielleicht nicht mehr hineinfahren würde in ihr Innerstes, mit den Bildern, den Filmen, diesen schamlos verworfenen Nutten. Frauen sah sie sich an, sie wusste auch nicht, wieso. Das andere war ihr zu hart. Oder zu obszön. Oder zu grob, zu brutal, vielleicht auch das. Obwohl sie von Tag zu Tag brutalere Bilder suchte, auch unter den Frauen. Auch da wusste sie nicht, wieso. Aber wieso sind die Kinder so still, die sind doch sonst nie still. Sie dreht sich um, in Richtung Badezimmer, um zu horchen. Sie dreht sich um, die Hand tief im Schoß, hinter sich den Bildschirm mit den Bildern. Vor ihr, im Türrahmen, zwei mucksmäuschenstille Kinder mit großen Augen und blassen Gesichtern und Angst unter der Haut. Sie wird sie nicht verprügeln, die beiden können ja nichts dafür. Langsam zieht sie ihre Hand heraus und wischt sie ab. Schließt alle Fenster am Bildschirm, löscht in aller Ruhe den Verlauf, wie immer. Versteckt den besonderen Browser, loggt sich aus und fährt den Computer runter. Ganz in Ruhe, als hätte sie bis eben gearbeitet, drückt sie den Laptopdeckel zu und dreht sich wieder zu den Kindern um. Habt ihr Hunger?

Es schneit.

Es schneit, draußen, vor dem Fenster. Ich habe meinen Blick vom Bildschirm gelöst und merke, wiesehr ich gleich aufatme. Rausschauen. Schneegestöber. Bewegung im Körper.

Er ist aufgewacht in diesem Krankenhausbett. Er sieht und hört. Aber er kann nicht mal die Augen bewegen, geschweige denn den Kopf. Wenn die Schwester aus seinem Blickfeld verschwindet, kann er ihr nicht folgen, mit den Augen, wiesehr auch ihr Lächeln ihn beruhigt hat. Für Sekunden. Bevor die Panik sich wieder ausbreitet. Dieses Kribbeln im Körper. Überall. Wird er je wieder sich bewegen können?

Sie hat ihm erklärt, was er vom Arzt nicht verstanden hatte. Der Arzt war nicht mal in sein Blickfeld geraten. Der hatte sich nicht mal vorstellen können, dass das für ihn einen Unterschied hätte bedeuten können. Der Arzt redete und redete – und er konnte ihn nicht verstehen. Die Schwester heute hat sich über ihn gebeugt. Seinen Blick gesucht. Ihn angelächelt. Wie gern hätte er zurückgelächelt!! Aber irgendwie schien sie zu spüren, auch ohne Lächeln, dass er Kontakt aufgenommen hatte, dass er „da“ war, in seinem Körper. Hinter der Unbeweglichkeit. Und dann blieb sie da oben, direkt über seinen Augen, mit ihrem freundlichen Lächeln. Wendete den Blick immer mal wieder ab, ließ ihm Pausen, sah ihn wieder an. Und blieb, mit diesem Lächeln. Und dann sprach sie wenige Sätze. Auch diese mit Pausen. Dass er einen Krankenhausvirus erwischt hatte. Dass er sich wieder vollständig würde bewegen können. Dass es viel Zeit benötigen wird.

Er sackte in sich zusammen, ohne eine einzige Bewegung. Erleichterung. Und kaum war das Gesicht weg, das Lächeln, die Stimme – kam die Panik zurück. Stimmte das? Konnte das stimmen? Wird er sich je wieder bewegen können?

Jetzt scheint die Sonne, draußen, vor dem Fenster. Es tut gut, aus dem Fenster zu schauen. Diese katatonen Zustände beschäftigen mich. Und es sind nicht meine. Ich kann meine Augen hinausbewegen, zu den Wolken, der Sonne, den blauen Himmelsflecken. Aprilwetter, mitten im März. In Berlin ist immer noch Winter, hat mir mein Mann erklärt. Mein Körper sehnt sich nach Sonne und Wärme. Nach Frühling.

Ich werde versuchen, wieder regelmäßiger zu schreiben. Lange hatte ich gedacht, dass es mir nicht fehlen würde. Aber es fehlt mir. Es tut mir nicht gut, nicht mehr zu schreiben. Es ist, als würde ein Teil von mir erstarren, kataton, bis sich kaum noch etwas rührt. Und das beeinflusst mein ganzes Leben. Ich übertreibe nicht.

Bitte erinnert mich, wenn ich es wieder vergesse. Dass ich das brauche, dieses Schreiben.

kataton.

Sie kann nicht mehr. Sie kann mal wieder nicht mehr. Die Welt verschwimmt. Die Sicht wird pixelig, krümelig, an den Rändern ausgefranst. Radfahren kann sie noch. Eigentlich dürfte sie nicht mehr radfahren, in diesem Zustand. Den Frauen in der Beratung empfiehlt sie immer, noch eine Runde zu gehen, das Rad zu schieben, bitte nicht zu fahren! Und sie selber? Heute ist sie aus der Beratungsstelle raus wie eine ihrer Klientinnen. Schräg auf die Straße, Vorsichtsmaßnahmen außer acht lassend, nichts mehr sehend, keine Tränen, nur zusammengebissene Zähne und keine Ahnung mehr von gar nichts. Woher warum woher jetzt warum jetzt was war es gewesen war eine dabei gewesen die sie hätte kennen müssen von damals eine von ihnen oder warum woher – sie wusste es nicht.

Sie fuhr nicht mehr, sie schob nicht, sie stand. Oben auf der Brücke, mit keuchendem pfeifendem Atem, die Allergie, aber nicht nur. Die Gleise unten hinter Schleier, der Fernsehturm wie im Nebel, Sonnenschein der wehtat im Gehirn, Gummi in den Beinen zugleich steif wie Brett wie Holz wie Stock wie Baum. Sie hätte sich nicht vom Fleck rühren können. Woher es kam hätte sie immer noch nicht sagen können. Jetzt fragte sie es sich auch nicht mehr. Der Vorteil an den katatonen Zuständen war, dass sie nicht mehr denken konnte, nicht mehr fühlen musste, nichts mehr sah, nicht mehr wirklich. Es war nicht alles ok, das nicht, aber es war auch nicht schlimm. Es war eher wie gar nichts. Auch nicht Tod, das war nochmal anders. Sie hatten sie zwar wieder geholt, aber Sterben, das war irgendwie schön gewesen. Kataton dagegen, das war gar nicht. Sie konnte sich sehen und doch nicht sehen. Es war ihr egal und doch nicht egal. Sie wusste nichts, weder von jetzt noch von vorher.

Wie aus weiter Ferne ahnte sie, dass jetzt kein Bekannter kommen durfte, keiner sie ansprechen, weil dann gleich wieder der ganze Aufzug begann, mit Krankenwagen und Polizei und Psychiatrie. Bitte nein. Kein Bekannter, nicht jetzt. Ansonsten war der Platz gut gewählt. Oben auf der Brücke standen oft Menschen, sahen in die Ferne, standen dort lange, manche telefonierten, manche sahen einfach über die Gleise, zählten S-Bahnen, Regionalbahnen, Fernzüge, machten gar nichts. Sie konnte lange dort stehen, solange sie nicht in die Nacht hinein stand. Aber manchmal ließ es schnell wieder nach. Nur Geduld. Und stehen bleiben. Sich nicht rühren – haha – der Humor kam wieder, sie konnte sich ja nicht rühren, das war es ja. Aber ja, ganz still stehen, keine Panik im Innen, ruhig bleiben, ruhig werden, was immer da gewesen war, so ruhig werden wie irgend möglich, bis irgendwann die Muskeln wieder locker ließen, die Nerven, was immer da festhalten mochte. Sie würde dann eine Weile schieben müssen, das wusste sie schon. Aber danach wäre alles wieder gut.

schlaflos.

Sein Kind hat ihn geweckt. Statt sich wieder hinzulegen, hat er seinen Rechner aufgeklappt. Am Küchentisch. Der Küchentisch ist der einzige Ort ohne Kinderkram. Und nachts ist die einzige Zeit, in der er arbeiten kann. In Ruhe. Abends fällt er meist mit dem Kind ins Bett. Erschöpft. Nicht mal mehr müde. Viel mehr als müde. Und nachts, wenn er geweckt wird, kann er dann nicht mehr einschlafen, neben dem wieder schlafenden Kind, wälzt sich lange, denkt an todo-Listen, an Arbeit, an Geld, an Verzweiflung. Steht irgendwann doch auf. So hat er sich langsam angewöhnt, einfach immer direkt aufzustehen, wenn er das erste Mal aus dem Schlaf gerissen wird. Manchmal ist das um Mitternacht, manchmal erst morgens um drei. Aber ein paar Stunden Ruhe bleiben ihm dann immer noch, bis der Kleine wieder da steht. Und Hunger hat. Tagsüber geht dann gar nichts. Den Mittagschlaf macht er leider meistens auch mit. Weil der Kleine sich nicht hinlegen will ohne ihn. Und er zu erschöpft ist, um nicht einzuschlafen, wenn er sich mitten am Tag mit hinlegt. Und wenn er es mal schafft, wach zu bleiben, räumt er Kleider weg oder startet eine Waschmaschine oder räumt den Geschirrspüler aus und gleich wieder ein, weil so vieles sich schon wieder neben der Spüle stapelt. Den Tisch wischt er meist erst nachts, bevor er den Rechner aufklappt. Neben eingetrockneten Töpfen auf dem Herd und saurer Milch in den Abendfläschchen, die seit drei Tagen stehen geblieben sind, er hat einfach ein paar mehr bestellt, die großen Versandhändler mag er zwar nicht unterstützen, aber im Moment verzichtet er auf Ethik, alles was ins Haus kommt, ohne dass er den Kleinen in Winterklamotten stecken und zum Rausgehen zwingen muss, undsoweiter. Eigentlich will er über all das nicht mehr reden. Es ist wie es ist, er kann es ja doch nicht ändern. Alleinerziehender Vater zu sein war schon immer nicht lustig. Im Gegensatz zu den alleinerziehenden Müttern hatte er zwar immerhin noch Wertschätzung, Respekt, manchmal Bewunderung oder pures unverhohlenes Mitleid. Aber jetzt sieht ihn kaum noch einer. Er ist der einzige auf seiner Arbeitsstelle, der so gut wie gar nichts mehr geregelt kriegt. Keiner will mehr ein Projekt mit ihm zusammen machen. Er war der erste, der auf Kurzarbeit musste. Ein Gesetz gegen Diskriminierung von Vätern im Beruf, das gibt es nicht. Er hätte sich auch nie im Leben dafür stark gemacht. Wäre er jetzt nicht selber betroffen. Vielleicht hilft es, wenn Menschen wie er sich jetzt zu wehren beginnen. Nachts, wenn er den Rechner hochfährt, arbeitet er nicht für seinen Chef. Nicht mehr. Der soll ruhig wissen, was neben der Dauerbetreuung eines Zweijährigen noch so alles möglich ist. Oder eben nicht. Nachts, da arbeitet er für die Väter. Und ein wenig auch für die Mütter. Auf dass sich etwas ändern möge. Auf dass sie wenigstens einen Sinn gehabt haben wird, diese seltsame schwierige Zeit. Er atmet einmal tief ein und aus, steht auf und stellt sich einen Moment zum Kind. Dieses kleine schlafende atmende Wesen, das er zurzeit manchmal nur noch nachts so richtig richtig lieben kann. Aber dann liebt er, immer wieder, jede Nacht.

manchmal möchte ich großmutter fragen.

manchmal möchte ich großmutter fragen. warum sie meiner kleinen Schwester verboten hat, in den Keller zu gehen. und mir nicht.

manchmal möchte ich großmutter fragen. warum sie mich in den Keller geschickt hat. immer wieder. Wasser zu holen. oder Wein.

manchmal möchte ich großmutter fragen. warum meine kleine Schwester mehr wert war als ich.

manchmal möchte ich großmutter fragen. warum. wenn sie doch wusste.

ich werde sie nicht fragen. großmutter ist lange schon tot.

Ich stütze mich.

Sie sagt es vor sich hin. Immer wieder. Ich stütze mich ich stütze mich ich stütze mich. Sie weiß nicht, wie das geht. Aber der Mann, der ihnen hilft, der Mann vom großen Schiff, der hat ihr das gezeigt. Die Hände hinten unten an den Rücken legen, angewinkelte Ellenbogen, die Handflächen an den Nieren. Sie weiß nicht genau, wo die Nieren sind. Aber der Mann hat gesagt, das hilft. Wenn es wieder ganz schlimm sei, wenn sie wieder von Bord springen wolle, dann solle sie beim nächsten Mal ihre Hände nehmen, sie in den Rücken legen und sich selber stützen. Sie weiß nicht, ob es funktioniert. Aber irgendwie, irgendwie scheint es zu helfen. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so allein. Obwohl sie noch genau so allein ist. Sie ist jetzt zwölf, sie ist jetzt erwachsen. Sie ist über Nacht erwachsen geworden. Ihre Eltern sind im Meer geblieben. Und die kleine Schwester. Und der winzige Bruder. Der wird als erster ertrunken sein. Der Kleine konnte ja noch nicht mal krabbeln, wie hätte er denn schwimmen sollen. Sie wusste ja selber kaum, wie sie an Bord gekommen war. Der eine junge Mann, der ihr was zu Essen gegeben hatte, in der Nacht, auf dem kleinen Boot, der hatte sie plötzlich um den Hals gepackt. Und sie angefleht, sich ruhig zu verhalten, nicht zu schreien, nicht um sich zu schlagen, still zu liegen. Wenn sie nicht seit Ewigkeiten schon unterwegs gewesen wäre und immer hätte still sein müssen, lautlos, bewegungslos, sie hätte es nicht gekonnt, in dem kalten dunklen Wasser. So schloss sie die Augen, konzentrierte sich auf ihren Atem, hielt ihn so klein und flach und lautlos wie möglich, zählte die Atemzüge, versetzte sich nach Hause, auf die Farm, in den Stall, zu den Tieren. Wie warm es dort war. Zwischen den Leibern. Wie laut sie atmeten, die Tiere. Und sich sachte hin und her wiegten. Bis kräftige Arme sie gepackt hatten. Und von dem Körper des jungen Mannes gerissen. Der unter ihr fast ertrunken wäre, der absackte wie ein Stein, den einer der Taucher einfing, an Bord hievte, übers Knie legte. Sie würde es schaffen, ihren Eltern zuliebe, die es nicht geschafft hatten. Ihrer Schwester, ihrem winzigen Bruder zuliebe. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde. Aber sie wusste ganz genau, dass diese ihr liebsten Menschen um keinen Preis gewollt hätten, dass sie sich über Bord warf. Sie würde es aushalten müssen. Sie war dem freundlichen kleinen weißen Mann dankbar. Der jede Stunde einmal über ihr Deck lief, bei jedem kurz stehen blieb, zwei Worte oder drei Blicke wechselte. Und der ihr gezeigt hatte, wie sie sich selber stützen konnte. Wenn es wieder ganz schlimm wurde.

Musik

die Lippen verspannt, der Mund tut weh. die Klarinette seit Jahrzehnten nicht im Mund gehabt, in der Hand, zwischen den Lippen. auf dem Daumen, der sofort wehtut, wie früher, anders als früher, ähnlich wie damals, als wäre die Erinnerung im Daumen, und das blosse Auflegen des Instruments würde reichen, den Schmerz wieder hervorzurufen, noch bevor er die ersten Töne gespielt. und dann der Ton. auch in den Ohren tut es weh, nicht nur die Lippen die Wangen der Kiefer der Kopf. die Lippenspannung ist nicht mehr vorhanden. oder viel zu viel davon. kein Klang, kein Ton. keine Resonanz im Raum. ein Brett, ein Stück Holz, ein Stock. was soll er damit. was hat er sich vorgestellt. dass er einfach wieder würde anfangen können? und es gleich klingen und ihn glücklich machen würde? am liebsten hätte er getobt gestampft gewütet, ein kleines Kind. das Holz in die Ecke gepfeffert, die Mechanik verbogen, das Holz gesplittert, der Rumpf, der Körper, Klangkörper. und sein eigener Körper, der hart geworden war, in all den Jahren ohne Musik. er hatte die andern spielen lassen. war in die Konzerte gegangen. hatte sich eingelullt, dass das reichen würde. aber seit es keine Konzerte mehr gab, schien es nicht mehr zu gehen. sich einzulullen. er vermisste die Musik. und nicht aus dem Computer, youtube, facebook, nein. die echte Musik! und wenn er sie nirgends mehr haben konnte. dann musste er sie wohl oder übel selber machen. er hielt sich zurück, so gut es ging, warf sein geliebt-gehasst-geliebtes Instrument nicht in die Ecke. sondern befühlte es, mit jeder Faser seiner Fingerkuppen, mit den Lippen, mit der Zunge. bis er sich traute, nochmals anzusetzen. zu einem Ton. und ihn schwingen ließ. im leeren Zimmer.

Vor zwei Jahren.

Vor zwei Jahren ist sie gegangen. Hat mit ihrem Kuscheltier das Haus verlassen. Ist mit allen zur Tram gegangen. Wurde umarmt und bewinkt. Und das war’s dann. So schnell ist eine Schwester weg. So schnell ist eine Tochter weg. Wie seltsam das Leben ist. Sein kann. Und manche Kinder suchen sich ihre Familien aus. Für nur ein Jahr. Um dann zurückzugehen. Oder weiter. In neue Familien. Oder alte. Vielleicht haben sie ein paar Dinge mitgenommen, innerlich. Vielleicht wichtige Dinge. Erfahrungen. Gefühle. Vielleicht überlebenswichtige.

Eingesperrt.

Der Radius wird auf 15 Kilometer beschränkt. Sie hätte nicht gedacht, dass das gleich zum Kotzen reicht. Und es hat. Sie hat sich über die Kloschüssel gebeugt und die Müslireste vom Frühstück ausgespuckt. Zusammen mit dem schwarzen Tee, der sie wachhalten sollte. Nach einer schlaflosen Nacht. Eine ziemlich schwärzliche Brühe. In der Nachbarwohnung tobt ein Kind. Heulen Schreien Kreischen gegen die Wände hauen. Immer wieder. Jeden Tag. Sie kann es nicht mehr hören. Sie möchte nicht das Kind sein, natürlich nicht. Auch nicht die Eltern, um keinen Preis. Und dennoch. Sie möchte gegen die Wände schlagen. Ein Ultimatum stellen. Nun darf sie nicht mal mehr zum See. Am See hat sie ihren Lieblingsplatz. Sie nimmt jeweils das Rad, fährt zwei Stunden über die Felder, setzt sich eine Weile ans Wasser bis ihr kalt wird, und fährt zwei Stunden zurück. Sie radelt schnell. Der See ist deutlich weiter weg als 15 Kilometer, auch vom Dorfrand aus gerechnet. Sie weiß nicht, wie sie das überleben soll. Eingeschlossen zu werden in einem kleinen Dorf, das sie sich nicht selber ausgesucht hat, in das sie gesetzt wurde für ihr Vikariat, bevor sie als Pfarrerin endlich wieder selber wählen kann, ein bisschen wenigstens, wo sie jetzt arbeiten möchte. Nun darf sie nicht mal mehr reinfahren, nach Berlin. Sie lebt im Hotspot, was kann sie denn dafür. Sie wurde als Kind eingesperrt, was kann sie denn dafür. Sie wird das nicht überleben, in diesem Dorf eingesperrt zu werden. In der Stadt kommt ja kein Ordnungsamt mehr hinterher, aber hier draußen, hier haben die Beamten Zeit. Ordnungsamt oder Polizei werden den See kontrollieren. Weil viele zum See fahren. Und der Spielplatz auf der andern Seeseite auch die Familien anzieht. Von allen Dörfern ringsum. Alle mehr als 15 Kilometer entfernt. Wie soll das nur werden. Wenn sie jetzt schon das Kotzen ankommt. Und die Regel gilt doch gerade erst.

Eine Geschichte.

Du möchtest eine Geschichte. Eine richtige Geschichte. Ich weiß. Am liebsten eine Kindergeschichte. Mit Anfang und Ende. Eine Geschichte, die traurig ist. Aber auch gut ausgeht. Mit der man einschlafen kann. Auch das.

Ich werde dir eine Geschichte schreiben. Irgendwann.

Deine Geschichte.

Fragmentiert.

Meine Geschichten haben kein Ende. Sie schweben. Sie haben oft auch keinen Anfang.

Fragmentiert. Zerrissen.

Irgendjemand wird es lesen wollen. Genau deswegen.

Ich blute Sperma aus.

Ich blute Sperma aus. Hinter dicken Theatervorhängen. Und es hat nichts obszönes. Das Blut tropft auf den Boden. Das Sperma düngt die Erde. Käfer Fliegen Würmer. Wurzeln. Keimlinge.

Ich blute Sperma aus. Die Dammwand gerissen. Keiner näht mich. Ich bleibe liegen.

Ich blute Sperma aus. Hinter dicken Theatervorhängen. Es hat nichts reales.

Das Theater ist vorbei. Der Vorhang gefallen.

Tosender Applaus.

Für wen?

Er trank wieder. Und spritzte sich das Zeug.

Er trank wieder. Und spritzte sich das Zeug. Nicht weil er es wollte. Sondern weil es nicht anders ging. Erklären konnte er das keinem. Nicht seinem Kumpel, nicht seiner Frau. Erst recht nicht seinem Kind. Der wurde langsam groß, wollte selber in den Sport, erfolgreich werden, dem Vater nacheifern. Und der Vater verweigerte es ihm. Natürlich konnte sein Kind das nicht verstehen. Wie sollte er auch. Also stand er als guter Vater am Spielfeldrand. Und applaudierte. Und trank. Und spritzte sich, in den Pausen, in der Toilette. Im Stadion. Der Geruch schon nur, untertag. Die Matten, der Staub, der Dreck. Die Räume, die sich kaum geändert hatten. Er trank. Er konnte nicht anders. Das Spritzen, das schnitt er nicht mehr mit. Er wusste es, und wusste es nicht. Wenn seine Frau ihn fragte, leugnete er. Nein, er leugnete nicht, er wusste es nicht. Nein, natürlich nicht. Ich habe doch jetzt dich, und unsern Sohn. Da kann ich doch nicht. Nein, mit Drogen, mit Drogen habe ich nichts mehr am Hut. Bis er liegen blieb. Und zu erzählen begann. Von all den Jahren im Leistungssport. Und den Matten, in den dunklen Ecken. Auf die man sich legen konnte. Auf die er gelegt werden konnte. In allen Positionen. Und nie gesprochen hätte. Er wollte doch Erfolg haben. Und keine Freunde verlieren.

Danke.

Um Mitternacht, nach einem Bier, finde ich die Texte gut. MEINE Texte. Ich habe zurückgelesen. Im Blog. Über die Tage rückwärts. Was ich mir in der Regel verbiete. Und zurzeit, zurzeit schreibe ich nicht mal mehr den Blog. Ich schreibe nicht mehr. Seit vielen Jahren zum ersten Mal schreibe ich tatsächlich fast gar nicht mehr. Und vermisse es nicht. Und staue in mir Dinge an. Und explodiere fast. Und vermisse es trotzdem nicht. Dieses Schreiben. Das so anstrengend ist. Und zurzeit nicht mehr gelingen will. Ich weiß nicht wieso. Corona ist mir zu einfach. Als Erklärung, meine ich. „Schreiben, als müsste ich niemandem etwas beweisen.“ Jutta Reichelt erwähnt Dinge, die mich ansprechen, immer mal wieder. In diesen Tagen hänge ich manchmal auf Blogs ab. Von Jutta. Oder Austin Kleon. Von Leuten, die noch was tun, die noch schreiben, die noch online sind. Mit Dingen. Mit neuen Dingen. Mit Anregungen. Mit Tipps und Hilfen. Ja, Hilfe. Ich brauche Hilfe. Bitte, helft mir! aber wer. ich weiß es nicht. Ich schreibe, mit Anregungen von andern. Wie vor fünfzehn Jahren, als ich nach Berlin kam, zum Schreiben, und ganz existenziell angewiesen war auf Gruppen, auf Anregungen, auf andere. Heute habe ich mir Schlagzeugvideos angesehen, für Kinder, den „Abwasch“ zum Beispiel. Seither kann ich schreiben. Für ein paar Minuten. Ich bin allen dankbar, die sich noch rühren, die sich noch raustrauen, wenn auch online, und ihre Kunst zeigen, ihre Musik, ihren Text, ihre Ideen, ihre Wünsche und Träume. Weil ich mich dann wieder bewegen kann, für Minuten. Wenn ich ihnen zuhöre. Und zu-lese. Und zu-fühle. DANKE.

Warten.

Er wartet. Den ganzen Tag. Er hat ihr diesen Brief geschrieben. Keinen Brief, eine E-Mail. Immerhin mehr als eine SMS. Eigentlich gilt das ja schon als Brief. Einen richtig richtigen Brief, das macht doch keiner mehr. Also auch er nicht. Obwohl er es sich überlegt hatte, das schon. Aber nein: eine lange E-Mail, klar formuliert, zwei Nächte lang drübergesessen. Vielleicht zwei Stunden zu lang, kann schon sein, gegen Ende hat er Dinge gelöscht und Sätze eingefügt, die vorher vielleicht besser gewesen wären. Aber das kann er jetzt nicht mehr ändern, senden hat er leider noch in der Nacht gedrückt. Vielleicht doch lieber einen Brief schreiben, beim nächsten Mal. Naja, wer weiß, vielleicht wäre er auch mitten in der Nacht noch losgelaufen, zum Kasten, und aus dem Kasten holen, das ging ja auch nicht. Die E-Mail war jetzt wenigstens sofort bei ihr, nicht erst irgendwann, wenn die Post es geschafft haben würde, trotz dieser seltsamen Zeiten mit Schichtdienst bei den Postbeamten. Die Mail war in ihrer Inbox, vielleicht hat sie sie schon gelesen, vielleicht brütet sie schon über einer Antwort, wer weiß. Er jedenfalls, er kann jetzt nichts mehr tun. Gar nichts mehr. Er hängt vor dem Computer rum, schaut sich Nachrichten an und klickt alle paar Minuten in die Mails, obwohl doch eine Benachrichtigung aufploppt, sobald eine neue ankommt. Er prüft dennoch nach, ob sie nicht vielleicht doch schon geantwortet hat, ob er nicht vielleicht ein aufgeplopptes Fensterchen verpasst hat. Kein guter Tag, das spürt er schon. Draußen scheint die Sonne, er kann sich nicht überwinden, rauszugehen. Er könnte ja ihre Antwort verpassen. Und vielleicht muss er dann ja sofort reagieren oder anrufen oder rübergehen. Das darf er sich auf keinen Fall entgehen lassen. Und wenn sie erst morgen antwortet? Oder in einer Woche? / Oder gar nicht? /

gute Momente.

Heute hat ihr eine Nachbarin geschrieben. Und ihr Mann hat ihre Hand gehalten, beim Spazierengehen. Der Kaffee war lecker, die Zimtschnecke süß und klebrig. Der Wind hat die Wolken weggepustet, jetzt ist der Himmel blau, die Sonne scheint, ein paar letzte Herbstfarben. Der Wind hat ihr den Kopf leer gepustet, es liegen nicht mehr so viele Nachrichten quer, weder Weltpolitik noch Corona. Sie fühlt sich frei, so frei, dass sie sich hinsetzen kann und schreiben.

Die Augen hinausgehen lassen, in den blauen Himmel. Gerade noch war sie doch leer gepustet gewesen. So leer, dass sie sogar hatte schreiben können. Das war ein guter Moment gewesen. Ein sehr guter sogar.

ohne Titel.

Die Form der Isolation hat sie auf alte Zustände zurückgeworfen, die sie überwunden glaubte, für vielleicht immer.

ausquartiert.

Nicht lesen, vor allem keine Nachrichten. Er wollte sich doch fernhalten. Und wusste nicht, was er stattdessen tun könnte, jetzt, da er wieder allein war. Vor zwei Wochen hatte er sich bei den Nachbarn einquartiert, mit einer faulen Ausrede. Dass sie faul war, konnten diese ja nicht wissen. Seine Nachbarn waren freundlich und hatten ihn auch schon zum Kaffee eingeladen. Er wusste, dass sie ein Gästezimmer hatten, da ab und zu Freunde bei ihnen übernachteten, dann auch mal abends und nachts lange laute Musik war, Partystimmung, was verboten war. So hatte er zwei drei Bemerkungen eingeflochten, damit sie wissen sollten, dass er sie auch anzeigen könnte. Und dann sein Problem geschildert, mit dem Wasserrohrbruch und dem Fenster, und bis das repariert sei, ob er nicht vielleicht bei ihnen wohnen könnte, vorübergehend, eine Woche höchstens, weil bei ihm Tag und Nacht der Bautrockner laufe, laut sei der und stinke, und das Fenster immer offen, trotz der Kälte, damit alles abtrocknen kann, undsoweiter. Die beiden waren freundlich, auch wenn sie nicht sonderlich erfreut wirkten. Ja, so zwei drei Tage sei das sicher kein Problem, danach müsse man sehen. Gestern hatten sie ihn nun rausgeworfen, nach zwei Wochen. Mit einer Ausrede, das wusste er bereits. Ihre Freunde hätten keine andere Bleibe, es sei wichtig, die würden morgen kommen. Heute früh war er somit wieder zu sich gezogen, aus ihrer warmen gemütlichen Küche ausgezogen, in seine eigene Kälte sozusagen. Ungeheizt war es, das stimmte, aber nicht feucht, das zum Glück nicht. Auch kein Bautrockner, kein Lärm. Bei den Nachbarn allerdings auch nicht. Keine Party, keine ankommenden Gäste. Da wusste er, dass sie ihn angeschwindelt hatten. Um ihn loszuwerden. Sie wollten ihn nicht mehr. So ganz konnte er das ja nicht verstehen, er war doch leise und freundlich gewesen, hatte manchmal für die beiden gekocht und ganz von sich aus das Bad geputzt. Aber scheinbar war es nicht genug gewesen. Er wusste nicht, was er sonst noch hätte anbieten können.

Bußgeldkatalog

Ich habe mir den Bussgeldkatalog zur Ahndung von Verstößen gegen die Corona-Maßnahmen angesehen. Seither weiß ich, wieviel ich bezahlen muss, weil ich heute meine Nachbarn umarmt habe. Seither weiß ich, wieviel ich bezahlen muss, wenn ich morgen auf dem Spielplatz in der Nähe von mehr als einer anderen Familie stehe. Seither habe ich das Gefühl, mich nicht mehr bewegen zu dürfen, nicht mehr atmen zu können. Ich habe keine Ahnung, wie hilfreich die Maßnahmen für die Handhabbarkeit der Pandemie sind. Ich weiß nur, dass sie in meinem Nervensystem Dinge anrichten, die nahe an nicht mehr handhabbar sind. Und dass ich auf die paar letzten Umarmungen im Umfeld nicht verzichten kann, aus gesundheitlichen Gründen!, auch wenn ich mich strafbar mache. Mich strafbar zu machen mit solch existenziellen Bedürfnissen – ich weiß nicht, was ich dazu schreiben könnte. Außer, dass es mir zunehmend schwer fällt, zu schreiben.

sie hat sich angefasst.

sie hat sich angefasst. auf dem Sofa. unter der Decke. hinter zugezogenem Vorhang. man tut das nicht. in ihrem Alter schon gar nicht.

sie hat sich angefasst. das war gut.

Signore B.

Die kleine Buchhandlung in der Altstadt, ein Antiquariat. Ein alter Mann mit italienischem Namen, in Bern geboren zu einer Zeit, in welcher es noch schwer gewesen war, Italiener als Eltern zu haben. Er hat eine Lehrstelle erhalten, in der Buchhandlung, die er später übernommen hat, und nicht mehr verlassen, bis zu dem schwarz umrandeten Schild im Schaufenster, wegen Todesfall geschlossen. Die hohen Regale noch bis zur Decke vollgestopft mit wunderbarsten Schätzen, neuen und alten, eine wilde wunderbare Mischung. Eine Woche später schon waren die Regale leer. Danach wurde herausgerissen, grundsaniert, Schaufenster erneuert und die alte morsche Ladentür ersetzt, durch welche der Wind gezogen hatte, bei jedem Wetter. Fast täglich bin ich vorbeigegangen, vor dem Laden stehen geblieben, in jenem Januar. Meine Form des Abschiednehmens. Ich wusste nicht, wann und wo er beerdigt wurde, der alte Herr, ob überhaupt, er hatte keine Familie. Am Schluß hat er im Laden geschlafen. Wie er gestorben ist, weiß ich nicht. Ich stelle mir vor, dass er sich spät am Abend mit der hohen Leiter vorsichtig vorsichtig noch einen kostbaren alten Band von ganz oben heruntergeholt hat. Den Staub weggepustet, noch oben auf der Leiter, und unten mit dem Pinsel nochmals sorgfältig abgestaubt. Dass er sich einen letzten schwarzen Tee gekocht hat, er hat immer schwarzen Tee getrunken, aus einer schweren schwarzen gusseisernen Kanne, die Tasse innen fast ebenso schwarz. Dass er sich in den großen gemütlichen Ohrensessel gesetzt hat, in dem ich selber so viele viele Stunden verbracht habe. Und mit Tee und Buch friedlich eingeschlafen ist.

Danke, Signore B., verspätet. Für Zeit und Raum, Ruhe und Weisheit, Sessel und Bücher, Bücher Bücher Bücher.

am See

Ich liege auf einem Baum, am See, in der Sonne. Den Körper eingeschmiegt in die Formen des Astes, der weit über das Wasser reicht. Der Wind trägt die letzten gelben Blätter über mich, über den See, über den Herbst, die Zeit, die Sorgen. Bis keine Sorgen mehr übrig sind. Nur noch Wind und Blätter, Sonne und See.

Mein Lieblingsplatz, als Kind. Ich weiß nicht, ob der Baum noch steht. Wie oft lagsaß ich mit einem Buch und Heft und Stift in der Astgabel, die Beine gegen den Himmel am Stamm, den Körper ausgebreitet über dem Wasser, auf Buchenast und Buchenrinde, im Sommer im Winter, im Frühling im Herbst, keine Jahreszeit habe ich ausgelassen auf meinem Baum. Mein ganz eigener Platz. In all den Jahren hat sich nie jemand anderes zu diesem Baum verirrt, nur zu Fuß durchs Gestrüpp zu erreichen, in der Höhle unter den Wurzeln hauste der Fuchs mit seinen Jungen. Ein Ort wie aus einem Buch.

ohne Titel.

Dem Mann die überstehenden Haare weggeschnitten, neben dem Ohr. Die kleinen kurzen Härchen vom Ohr gepustet. Danach war wieder Schluss mit Intimität.

Diese feinen Härchen.

Diese feinen Härchen. Babyhaare, Greisenhärchen. Die Zeiten überlappen sich. Die letzte Nacht von Großmutter. Die ersten Nächte mit dem Baby. Die späteren ins Bett bringen Zeiten, kleine Kinder, sehr kleine Kinder, ewas größere Kinder. Die Haare verknotet, voller Marmelade, mit einer Weigerung fürs Kämmen, fürs Haarewaschen. Heute sind Teller geflogen, Scherben in der Küche, im Flur. Sie weiß nicht mehr, wie es war, mit den Babyhaaren. Die Zeiten scheinen so wenig miteinander gemein zu haben. Wohin mit dem Kind, das wütet und tobt, Dinge zerreisst und zerschmeisst, die liebsten Menschen beschimpft mit ärgsten Worten, deren Bedeutung das Kind noch nicht mal kennt, die liebsten Menschen bedroht, mit Gegenständen, mit Fäusten, mit Tellern und Gläsern. Mit purer Lautstärke. Manchmal weiß sie nicht mehr wohin mit sich. Mit dem Brüllen in ihrem Hals, das sie heiser werden lässt, also hat sie tatsächlich gebrüllt, und nicht zu knapp wahrscheinlich. Bedroht von fliegenden Tellern, schneidet sie kaum noch etwas mit, weder die Not des Kindes, noch ihre eigene.

Sie hat das Kind ins Bett gebracht. Die Haare gestreichelt. Sich an Babyhaare erinnert. An Großmutters Greisenhärchen, in ihrer Todesnacht. An ihre eigenen Haare, durchzogen von grau, als würde sie weiß in diesen Wochen. Sie hat die Haare gestreichelt, von ihrem Kind. Die Wangen, die Hände. Und sich kaum noch vorstellen können, was vormittags war. Wie ausgelöscht, schon fast vergessen.

Sie öffnet die Balkontür, eine Doppelfenster-Flügeltür, jede Menge Riegel zu öffnen. Sie tritt hinaus, zu den langsam eintrocknenden Blumen, den letzten Astern in voller Blüte, den Sternen am Himmel, den letzten Flugzeugen vom Flughafen Tegel. Manche Dinge verändern sich über Nacht.

Wein getrunken.

Wein getrunken. Bücher gelesen. Am Buch geschrieben. Sexueller Missbrauch. Zur Anzeige gebracht. Und das Gericht schreibt die Adresse auf den Beschluss. Wie kann das sein. Und es geschieht. Immer wieder. Über Jahre Jahrzehnte sich abgeschottet, gesichert, alle Umzüge mit Sperrvermerken und ohne Mitteilung an niemanden. Die Anzeige, kurz vor der Verjährung, weil es ihr wichtig war, die Dinge zur Anzeige zu bringen, dass nicht noch mehr geschieht, mit denselben Männern. Die Anwältin, der Gutachter, die Zeugen, alle verschlüsseln die Namen, die Wohnorte, die Städte. Aber das Gericht, das Gericht schreibt die Adresse auf den Beschluss. Der Gerichtsentscheid geht in mehrfacher Ausführung an alle Beteiligten. Auch an die Angeklagten, die mit Bewährungsstrafen davonkommen, weil nach Jahrzehnten kaum noch etwas nachzuweisen, Aussage gegen Aussage, kaum verlässliche Zeugen. Ein klassischer Fall. Bewährungsstrafe heisst, die Männer bleiben auf freiem Fuß. Und sind wütend, weil sie vor Gericht gezogen wurden, nun vielleicht selber umziehen müssen, in manchen Kreisen an Ansehen verlieren, auch wenn sie in andern Kreisen hinwiederum sogar an Ansehen gewonnen haben. Wütend sind sie dennoch. Und erhalten vom Gericht auf dem Urteil die Adresse geliefert. Von der nun erwachsenen Frau, die sie vor Gericht gezerrt hat. Undsoweiter. Die Folgen lassen sich ausrechnen. Sie will nicht mehr rechnen. Sie schließt ihr Heft, sie will nicht mehr schreiben. Sie legt die Bücher zur Seite, sie will nicht mal mehr lesen. Sie gießt sich Wein ein, öffnet eine nächste Flasche. Sie will nicht schlafen, schlafen ist ihr zu gefährlich, in diesem Zustand. Manchmal können ein paar Flaschen Wein auch hilfreich sein. Sie weiß, dass es keine Dauerlösung sein darf. Aber für heute, für heute ist es ok.

Nachrichten lesen.

Nachrichten lesen. Und dann gar nichts mehr können. Nicht mehr atmen. Nicht mehr lesen. Nicht mehr schreiben. Nicht mehr denken. Er rief seinen Neffen an, mit dem hatte er sich immer gut verstanden, sie waren in vielem einer Meinung, auch Corona und politisch. Seine Frau teilte ihm mit, dass er auf der Intensivstation liege und sie ihn mit den Kindern nicht mal mehr besuchen dürfe. Es sieht nicht gut aus. Er setzt sich hin und nimmt sich die Nachrichten nochmals vor. Die Wahlen in den USA. Die Corona-Maßnahmen. Der Terror in Wien. Und andernorts. Und hier. In seinem Gehirn. In seinem Gedärm. Er setzt sich auf Toilette. Und lässt es hinausschießen. In Strahlen. Schwallweise. Seit den Nachrichten der letzten Tage kommt er kaum noch vom Klo herunter. Heute ist ihm zum ersten mal schlecht. So richtig schlecht. Und er wollte doch gar nicht brechen, heute. Er wollte mit seinem Neffen telefonieren. Sich kurzschließen, mit einem Verbündeten. Nicht mehr allein sein und verloren. Und nun auch dieser. Wie soll er das aushalten. Falls der das nicht überleben sollte. Nein. Gar nicht daran denken. Aber woran dann. An die Nachrichten durfte er auch nicht denken. An seinen Sohn auch nicht, dem ging es weiterhin schlecht, der war jetzt in der Geschlossenen, würde da wohl auch noch eine Weile bleiben. Er ging ihn nicht besuchen, was sollte er ihm auch sagen, von der Welt auf der anderen Seite der Gitterfenster. Es gab gerade nicht so viel Gutes zu erzählen. Und seine Ex-Frau? Die Mutter seines Sohnes? Vielleicht sollte er seine Ex-Frau anrufen. Seit der Sohn volljährig geworden war, gab es keinen Kontakt mehr zwischen ihnen. Sie würde ihn verstehen, sie kannte ihn, er wäre nicht mehr ganz so allein. Aber sie hatte Vorerkrankungen. Risikogruppe. Was, wenn von der Seite jetzt auch noch eine Hiobsbotschaft kam. Plötzlich steckte er mitten in der Bibel. Hiob. Mitten in der Kindheit. Mitten in der Kirche. Wenn er sich verneigen könnte, vor einem Kreuz. Es gab kein Kreuz mehr, nicht für ihn. In dieser Nacht, heute, weiß er nicht, ob er weiterleben kann. Bitte helft ihm. Wo immer ihr ihm begegnet.

Ein Kind wird geboren.

Ein kleines Kind wird geboren. Die Oma steht auf der Matte. Noch am selben Tag. Und will das Kind in den Arm. Die Mutter weigert sich. Die Tante steht vor der Tür. Am nächsten Tag. Und möchte Kaffee trinken. Das Kind auf den Arm. Ein Stück Kuchen am liebsten. Dass keine Zeit bleibt zum Kuchenbacken, direkt nach der Geburt, das ist manchen nicht ganz klar. Dass die Mutter nur im Bett liegen sollte, zwei Wochen lang, hat man früher gesagt, wenn sie je wieder so richtig auf dem Feld soll arbeiten können. Im Bett liegen. Halb abgedunkelt. Bitte ohne Schwiegermutter, ohne Schwester, ohne Schwägerin. Am liebsten sogar ohne Mann. Ohne Kind? Sie weiß es nicht. Sie dachte, sie wird es lieben, vom ersten Moment an. Sie ist so müde. Sie ist so grau und dumpf. Das Kind trinkt, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Ihre Nippel sind wund. Ihr Innerstes ist wund. Alles schmerzt. Wie soll sie so lieben. Und dennoch. Sie will dieses Kind nicht hergeben. Wer immer da steht. Mitten im Zimmer. Im Flur. In der Küche. Vor der Wohnungstür. Sie lässt keinen bis zum Kind. Nicht mal den Vater. Das Kind gehört erst mal ihr. Und dann an ihre Brust. Alles andere würden sie sehen. Später.

Heute ist eine Frau dabei.

Ein Müllauto steht vor dem Haus. Die kleinen Kinder bleiben stehen, winken den Müllmännern. Meistens sind es Männer. Heute ist eine Frau dabei. Sie wirkt wie eine Frau, obwohl sie in denselben Klamotten steckt wie die andern. Blonde Haare mit herrlichen Locken, ein fester runder Busen. Ein großes Gesicht, das Mann wie Frau sein könnte. Eine schlanke Gestalt, die aber groß ist und nach sehr viel Kraft aussieht. Die Männer winken in der Regel zurück, wenn Kinder am Rand stehen. Die Frau winkt nicht. Sie lächelt nicht mal. Sie macht ihren Job, holt die Mülltonnen aus den Häusern, rollt sie zwischen den geparkten Autos auf die Straße, schiebt sie den Männern zu, die sie am Müllauto einhaken und hochheben lassen. Die Frau rollt die leeren Tonnen wieder zurück, sie klingen jetzt anders. Die Türen zu den Müllräumen fallen zu. Sie läuft dem Müllauto hinterher, mit einem wiegenden Schritt, der wieder Mann wie Frau sein könnte. Auf dem Gesicht immer noch keine Spur von Regung. Nicht nur kein Lächeln. Nein, keine einzige Spur von Mimik. Als wäre das Gesicht eine Maske. Eine schöne Maske. Eine perfekte Maske. Und doch werden die Kinder leise und ehrfürchtig, fast ängstlich. Keines der Kinder winkt mehr. Keines lacht. Nun lächeln auch die Männer nicht mehr.

Ein Buch lesen.

Sie las, um sich nicht mehr zu fühlen. Sie las, um nicht mehr zu denken. Sie las, um nicht mehr zu trauern. Sie las neben spielenden Kindern, weil sie die spielenden Kinder nicht mehr ertragen konnte. Sie las abends, um nicht mehr einschlafen zu müssen. Sie las nachts, um nicht zu träumen. Sie las tagsüber, um nicht zu arbeiten. Sie las, um nicht aufräumen zu müssen, nicht zu putzen, nicht zu kochen. Sie las, um nicht mehr essen zu müssen. Sie brachte die Kinder ins Bett, mit einem Buch in der Hand. Sie hielt Kinderhände und sang Kinderlieder, mit den Augen an den Zeilen. Sie trank Kaffee, mit ihrem Mann, und las. Sie sprach mit ihrem Mann, ohne das Lesen zu unterbrechen. Sie organisierte den Tag der Kinder, die Spielverabredungen, die Termine ihres Mannes, ohne aufzuhören, innerlich die zuletzt gelesenen Sätze zu wiederholen und die nächst zu lesenden sich bereits vorzustellen. So las sie doppelt und dreifach so schnell wie andere, die Zukunft bereits im Blick, das Ende schon quergelesen. Bücher waren nie zu Ende, sie konnte sie später wieder aus dem Regal ziehen und ein zweites Mal lesen, ein drittes. Und manchmal wusste sie erst auf den letzten Seiten, ob sie das Buch nicht doch vielleicht schon mal gelesen hatte. Ganz sicher war sie sich nie. Kaum ein Satz blieb in ihr hängen. Und doch las sie weiter. Sie legte die Bücher nicht mehr aus der Hand. Nicht mal in den seltenen Momenten des Schlafs, der sie überraschte, mitten im Satz, für halbe Stunden. Was würde sie tun, ohne ein Buch. Sie wusste es nicht.

Er lachte. Leise, in ihre Haare hinein.

Sie saß alleine am Küchentisch, ein Glas Rotwein vor sich, die Flasche auf der Küchenablage. Kein Buch, kein Heft, nichts. Ein Blick durchs Fenster in die Nacht. In die Leere. Ein Glas Rotwein nach dem andern. Der Mann verreist, mit den Kindern. Alleinsein hat sie noch nie gut vertragen. Obwohl sie gerne öfter allein wäre.

Plötzlich fühlt sie sich beobachtet. Als würde jemand durch den Briefkastenschlitz in der Tür hindurchsehen. Sie hatte ihn schon lange mal verkleben wollen, von innen. Keiner warf mehr Post durch den Schlitz, die Briefkästen standen im Hof. Und nun die Geräusche an der Tür, als würde einer dort knien und seinen Kopf anlehnen. Sie fühlte seine Augen im Rücken.

Seine. Es war keine Frage für sie. Sie wusste nicht, wer es war. Aber ein Mann, da war sie sich sicher. Sie stand auf und ging zum Türspion, sah hinunter auf diesen knienden Mann, es war der Nachbar von nebenan, sie hatte ihn lange nicht gesehen. Obwohl er ihre Beine jetzt direkt vor Augen haben musste, stand er nicht auf. Da öffnete sie die Tür.

Sie öffnete ihm die Tür, als wäre er ein erwarteter Gast. Er fiel vorwärts in ihre Wohnung, als wäre er schwer verletzt. Sie half ihm aufstehen, da waren sie schon Hand in Hand. Sie goss ihm Wein ein, da stand er hinter ihr, die Hände an ihren Hüften. Hier kann uns jeder sehen, er sah aus dem Fenster, auf die Straße. Sie nickte. Er griff ihr an die Brust, sie wehrte sich nicht.

Sie sagte, ich könnte schwanger werden. Er lachte. Leise, in ihre Haare hinein. Ja, ich hätte gerne ein Kind von mir bei euch. Ich würde es ab und zu besuchen. Sie zögerte. Wirst du dann bei uns einziehen? Er schüttelte den Kopf. Sie spürte es, in ihren Haaren.

Sie trank den Wein aus seinem Glas, das er ihr an die Lippen hielt. In diesen Zeiten war es verboten, ein Glas zu teilen, unter Haushaltsfremden. Aber sie waren keine Haushaltsfremden mehr. Sie würden ein Kind zusammen haben.

Ein letztes Mal Kaffee trinken gehen.

Ein letztes Mal Kaffee trinken gehen. Für lange Zeit. Wie lange, das weiß sie nicht. Den vier Wochen traut sie jedenfalls nicht. Und auch vier Wochen sind bereits lang. Gemeinsam Kaffee trinken gehen, das gehört zu den Ritualen von ihr und ihrem Mann. Einmal die Woche, das schaffen sie, neben ihren vollen Tagen. Jede Woche, fast jede Woche. Die zwei Stunden, die sind wichtig. Manchmal machen diese zwei gemeinsamen Stunden den Unterschied, wie sich die Woche anfühlt, wie oft sie streiten, wie oft sie die Kinder anpampen, mit ihnen schimpfen, auch mal brüllen. Nun werden sie nur noch spazieren gehen, ohne Kaffee. Und wenn es regnet und dunkel und neblig bleibt, wie so oft, im November, werden sie am Computer sitzen bleiben, statt gemeinsam unterwegs zu sein. Das wird ihnen nicht gut tun, sie weiß das schon.

Heute sitzen sie bei Frau Krüger. Frau Krüger, die schafft es, ihre gute Laune zu bewahren. Sie wird wieder nur am Fenster verkaufen, wochenlang, außer Haus Verkauf ist noch gestattet. Und sie ist gut gelaunt und lacht und verliert ihren Humor nicht. Die beiden werden selber wieder fröhlicher, obwohl sie heute nicht sehr fröhlich hergekommen sind. Zum Schluss bedanken sie sich, für all die Stunden, die sie schon bei Frau Krüger im Kaffee verbracht haben, und für ihr Lachen, ihre Freundlichkeit, die gute Laune. Frau Krüger freut sich. Sie sagt: Wisst ihr, für diese gute Laune entscheide ich mich jeden Morgen aufs Neue. Weil es mir dann einfach besser geht. Man macht sich ein bisschen was vor. Aber mir geht es besser damit. Und den meisten, die hier reinkommen und wieder rausgehen, denen geht es nachher auch besser.

Die beiden fassen sich an den Händen, Mann und Frau, laufen durch den Kiez, im Sonnenschein. Sie können die Herbstluft wieder riechen, die farbigen Blätter sehen, den Wind im Gesicht spüren, die unerwartete Kälte. Sie können sogar ein Stück die Liebe fühlen, die in diesen seltsamen Tagen manchmal sich zurückzieht hinter die Sorgen, die Wolken. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Vielleicht wird sie es einmal versuchen, am Morgen, beim Aufstehen. Sich für gute Laune zu entscheiden.

Das würde sie umbringen.

„Nein, weißt du, das würde sie umbringen.“ Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet. Er hatte seine Mutter zu seiner Körpertherapeutin geschickt. Vordergründig wegen deren Rückenschmerzen. Hintergründig, weil er gehofft hatte, dass sie in ihr auch einen solch tiefgreifenden Wandel auslösen würde wie in ihm. Mit ihren Zauberhänden. Schließlich hatte er oft gedacht, wenn dieser steinharte Panzer rund um seine Mutter mal ins Wanken käme, dass dann noch alles wieder gut werden könnte. Und nun wollte seine Therapeutin nicht. Sie wollte gerne die Rückenschmerzen seiner Mutter lindern, aber tiefer gehen würde sie nicht. Sie konnte das spüren, ob es Spielräume gab für Veränderungen. Und bei seiner Mutter, da war sie sich sicher, da gab es diesen Spielraum nicht. Wenn seine Therapeutin zu tief in ihre Spannungen greifen würde, mit den Händen, würde seine Mutter nicht mehr wiederkommen und behaupten, dass die Therapie gegen die Rückenschmerzen nicht geholfen habe. So wie sie es bisher mit allen Therapeuten und Therapeutinnen getan hatte. Immer, wenn er dachte, jetzt kommt was in Bewegung, wie toll!, immer dann hat sie die Behandlung frustriert und mit viel Vorwurf und Beschuldigungen abgebrochen. Dass dies für sie überlebensnotwendig sein könnte, dass sie gar nicht anders konnte, das hatte er noch nie bedacht. Aber es leuchtete ihm sofort ein. Ja, es würde sie umbringen. Und nein, das wollte er ja auch nicht. Sollte sie doch hinter ihrem Panzer noch ein wenig leben. Eine Beziehung zu ihrem Sohn würde das dann wohl somit doch nicht mehr werden. Aber nachdem seine Therapeutin ihm diese überraschende Antwort gegeben hatte, konnte er besser damit leben.

Bist du verrückt?

„So viel?!? Bist du verrückt!?“ – Nein, er war nicht verrückt, im Gegenteil. Er war so viel weniger verrückt als all die Jahre davor. Er stand sogar finanziell auf fast stabilen Beinen, das hatte es noch nie gegeben.

Es war ihm ein Anliegen gewesen, zu spenden. Es hatte sich gut angefühlt. Ein Geschenk, mehr an sich als an den andern. Es hatte nichts mit überheblich zu tun, größer stärker weiter, mir geht es besser und ich zeige es dir. Nein. Es hatte mit dem Geben-Können zu tun, mit dieser Möglichkeit. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er mehr als für die pure Existenz, das nackte knappe Überleben. Und was sollte er mit dem Geld? Es anhäufen? Das war die Tradition der Eltern und Großeltern, ihm war das Anhäufen suspekt. Es fühlte sich nicht gut an, es machte ihn weder glücklich noch zufrieden. Diese Überweisung dagegen, die hatte ihn zufrieden gemacht. Fast glücklich.

Sie kann das.

Sie kann das. Sie weiß das. Sie weiß das schon lange. Sie konnte das schon immer, sie hat schon als Kind gesungen. Sie hat auch bereits als Kind gewusst, dass sie singen kann, dass sie gut singt. Oder vielleicht hatte sie es als Kind zum letzten Mal gewusst. Bevor alles andere kam. Nicht gut genug, nicht schön genug, nicht ganz richtig so, andere können besser. Nicht stabil genug, für den Beruf, noch nicht mal für die Ausbildung.

undsoweiter.

Sie versucht, sich dieses Gefühl wieder herzuholen. Wie es gewesen war, zu singen, mit innerster tiefster unzweifelhafter Sicherheit, dass sie wunderschön sang, dass alle zuhörten, dass alle lächelten und sich freuten. Alle.

nur Mutter nicht.

Damals hatte sie das ignorieren können. Dass Mutter niemals zufrieden war. Als wäre Mutter nicht ihre Mutter. Und heute, wo sie lange schon tot ist, hört sie dieses Nörgeln, dieses Unzufriedensein, die ständige Kritik, das nie gut genug, ohne ein Lächeln, ohne ein Zeichen des Liebhabens. Im Tonfall so genau, als säße die Mutter in der Bank hinter ihr, harte Holzbänke, Kirche, und das leise Zischen, das mahnende Raunen, der Tritt unter der Bank hindurch.

Sie hatte das gekonnt, als Kind. Singen. Sie hatte nie in Frage gestellt, dass sie singen würde. Auf der Bühne, als Sängerin. Dass sie berühmt werden würde. Und glücklich. Und zufrieden.

Mutter war lange schon tot. Es wurde Zeit, dass sie wieder zu singen begann. Auch wenn es vielleicht dauern würde, ihre Stimme wieder auszugraben. Und sie nicht mehr ganz gleich klingen würde, jetzt, mit siebzig.

Sie stand auf, aus dem Bett, zum ersten Mal seit vielen Tagen. Stellte sich hinaus, auf den Balkon. Und begann zu singen. Öffentlich. Quer über den Platz. Sie hatte sich lange nicht mehr so gut gefühlt. Als könnte sie nochmals zu leben beginnen.

Besser drei vier Kurztexte als gar kein Text.

Wieder eines der seltenen Telefongespräche mit meiner Freundin mit viel zu vielen Corona-Themen durchmischt. Kaum ein Gespräch ohne Corona, zurzeit. Manchmal ärgert es mich, manchmal macht es mich traurig, manchmal bin ich taub wie ein Blatt. Ein Herbstblatt im Wind, ein Herbstblatt am Boden, faulig schon. Ich will nicht mehr. Die Kraft für die großen Texte fehlt mir wieder. Ob sich der Corona-Blog nochmals reaktivieren lässt? Zehn Minuten am Tag, jeden Tag, oder fast jeden. Zehn Minuten sollten möglich sein. Und besser drei vier Kurztexte pro Woche als gar kein Text.

Freiheit(en).

Wir sind unterwegs, im Bus, in Brandenburg. Wir dürften sogar übernachten. Nach Freiheit fühlt es sich trotzdem nicht an. Vorgestern war es noch verboten. Und wie es nächste Woche wird, weiß keiner. Sosehr haben mich die Maßnahmen schon zermürbt, dass ich die Freiheiten nicht mehr als Freiheiten wahrnehme.

Es geht wieder los.

Es geht wieder los. Wir dürfen nicht mehr ins Umland, mit unserem Bus. Nirgends mehr übernachten, auch nicht einsam und allein im Wald. Wir könnten die Rehe anstecken, in Brandenburg, in Mecklenburg, die Möwen am Meer. Wir dürfen nicht. Wir sind Risikogebiet. Wir. Und gleich ein Kollektiv. Ich fühle mich nicht als Kollektiv. Ich bin nicht Risiko. Im Gegenteil. Ich habe meine Praxis wieder offen, ich begleite Menschen, denen es nicht gut geht, denen es in solchen Zeiten noch weniger gut geht. Ich bin kein Risiko. Ich will nicht Risiko sein. Ich will nicht, dass Menschen, die auf einem Gehweg an mir vorbeigehen (müssen), wegsehen, den Atem anhalten, sich abwenden, weil sie sich anstecken könnten. All diese fehlenden Augenkontakte, all diese fehlenden kleinen tagsüber Lächeln, die wir früher wie selbstverständlich eingesammelt haben, meine Kinder sowieso, ich wenn es mir gut ging. Keiner sieht sich mehr an. Risiko, man könnte sich anstecken. Wir bleiben nicht nur in der Stadt sitzen, gezwungenermaßen, auch in den Ferien, die Kinder zuhause. Wir bleiben auch auf den Gehwegen unter uns, atemlos, in uns drinnen eingesperrt.

Stiftungssuche – Romanprojekt ‚adoptiert‘

Das Romanprojekt ‚adoptiert‘ hat in den letzten Jahren zwei wichtige Förderungen erhalten. Für die Fertigstellung des Manuskripts suche ich aktuell wieder nach einer Finanzierung, mit der ich mir weiterhin ausreichend Zeit für die literarische Arbeit leisten kann. Falls Sie Kontakte zu Stiftungen und/oder Privatpersonen haben, die das Projekt finanziell (oder auch ideell und/oder inhaltlich) unterstützen könnten, freue ich mich über eine Nachricht!

‚adoptiert‘ erforscht die individuellen und gesellschaftlichen Folgen von innerfamiliärer und organisierter Gewalt an Kindern. Ein umfangreiches Großprojekt, das bereits ein paar Jahre in Arbeit ist. Vielen Dank an alle, die mich immer wieder ermutigen.

Buchprojekt Corona-Blog

Zugegeben, es wird wohl eher ein Heft werden. Aber immerhin. Ich habe mich entschieden, die Texte aus dem Corona-Blog (Mai-Juni 2020) lektorieren zu lassen und zu publizieren. Ab September hat meine Lektorin Zeit, ich freue mich darüber; Martina Laux, von Hause aus Übersetzerin, ist eine wunderbare Sprachkünstlerin, die sehr sorgsam mit meinen sprachlichen Eigen- und Besonderheiten umgeht. Die Gestaltung wird meine Cousine übernehmen, die bereits die wunderschönen Titelseiten meiner Leseproben gestaltet hat (die Leseproben gibt es übrigens auch gedruckt, sie können bei Interesse verschickt werden!).

Corona-Blog. Mai-Juni 2020.

Zwei Monate lang habe ich fast jeden Tag einen kleinen Text geschrieben und am nächsten oder übernächsten Tag online gestellt. Ein Corona-Blog, aus der Not geboren, weil ich die Kinder zuhause hatte, jeden Tag, und wie so viele andere zu gar nichts mehr kam.

Aber zehn Minuten? Nur zehn Minuten? Zehn Minuten müssten eigentlich drin liegen, auch jeden Tag. So ist in der Zeit des Lockdowns eine kleine Textsammlung entstanden, die gerne weiterhin gelesen werden kann. Hier geht es zu den Beiträgen im Corona-Blog.

Zugleich bin ich froh, mit der Wiedereröffnung der Kitas und Schulen wieder mehr Zeit für mich und meine Arbeit zu haben. Der Corona-Blog bleibt daher geschlossen. Stattdessen werde ich von Zeit zu Zeit aus meiner Arbeit berichten. Über Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen per E-Mail freue ich mich.

Sommerpause

Heute Abend gehe ich offline.

Ich wünsche allen einen schönen Sommer. Wenn möglich einen kleinen Ortswechsel, er verändert die Perspektiven. Und bis im August wieder!

Wie ich Schriftstellerin wurde.

Ich habe das kleine Heft gelesen, von Jutta Reichelt. Wie ich Schriftstellerin wurde. Ein Corona-Sonderdruck, über den man sie in diesen schwierigen Zeiten ein wenig unterstützen kann. Ich hatte mir gleich zwei davon bestellt. Dann kam ein Paket mit zwei Heften und einem Buch. Die Rechnung lautete, wie bestellt, über zwei Hefte. Das Buch – war ein Geschenk! Ich hatte in Juttas Blog gelesen und kommentiert. Jutta hat in meinem Blog gelesen. Sie dachte, dass es da Berührungspunkte gibt. Und hat mir ihr Buch geschickt. Wiederholte Verdächtigungen. Ich habe es sehr sehr gerne gelesen. Und war verblüfft, über dieses Geschenk. Berührt. Wir kennen uns nicht. Wir haben ein paar Texte voneinander gelesen. Vielleicht werden wir uns kennen lernen, im nächsten Jahr. Ich freue mich darauf.

Ich arbeite wieder.

Ich arbeite wieder an ‚adoptiert‘. Ich bin froh darüber.

Wieder in Bewegung kam das Projekt über der Arbeit an einem Interview, das im Sommer in der PFAD Fachzeitschrift für die Pflege- und Adoptivkinderhilfe erscheinen wird. Ich habe in dem Interview erstmals Inhalte von Teil III für Außenstehende formuliert – seither setzt sich die Geschichte zusammen.

Eine erweiterte Inhaltsangabe zu ‚adoptiert‘ findet sich nun auch unter meinen Leseproben. Eine kleine Momentaufnahme aus der Geschichte von Sara gibt es im Blog-Text vom 19. Juni

In vielen Kurztexten des Blogs scheinen sich Themen vorbereitet zu haben, die in den Roman gehören. Ich hätte das nicht gedacht. Der Blog war aus der Verzweiflung entstanden, weil ich neben den Kindern zuhause, geschlossenen Spielplätzen und fehlenden Freunden zu gar nichts mehr kam. Es sieht so aus, als hätte sich im Stillen und Geheimen doch so einiges getan.

Ein kleines Mädchen.

Ein kleines Mädchen mit einem blauen Tuch. Ihre Mama schlingt die Arme um das Kind. Es ist nicht die Mama. Es ist die Pflegemutter, die auf Wiedersehen sagt. Das Kind zieht woanders hin. Alleine.

Die Frau lässt los. Sie ist keine Mutter mehr. Der Vertrag endet. Heute.

Das Kind macht zwei drei Schritte. Dreht sich um. Will zurückgehen. Und weiß bereits, so klein sie ist, dass zurück nicht mehr geht, dass Mama nicht mehr Mama ist, dass es niemanden mehr gibt. Nur diese Frauen auf der anderen Seite des Raumes. Die für sie verantwortlich sind. Und sie zu den nächsten Eltern bringen werden. Heute noch.

Fortsetzung der Pause.

Der tägliche Corona-Blog wird weiterhin pausieren – der komplette LockDown ist vorbei, Ferienzeiten sind mit Kindern so oder so immer ein wenig anders und – ich habe es genossen, eine Woche offline zu sein.

In anderen Jahren habe ich mich im Sommer jeweils sechs bis acht Wochen aus dem Netz und allen Kommunikationswegen ausgeklinkt. Nach den langen Isolationswochen konnte ich mir dagegen kaum vorstellen, aus diesem täglichen online-Kontakt mit anderen wieder auszusteigen. Doch die offline-Tage an der Ostsee waren wohltuend – und überraschend produktiv. Ich habe so viel neuen Text geschrieben, wie seit Monaten nicht mehr. Das Arbeiten im Urlaub geschah wie nebenbei, auf Autofahrten, in Mittagschlafzeiten, im Strandkorb, neben spielenden Kindern.

Ab Samstag werde ich mich daher voraussichtlich für zwei drei Wochen ausklinken. Bis dahin gibt es noch den ein und anderen Text im Blog.

Pause.

Solch ein schöner Himmel, über dem Wald, hinter dem das Meer sein muss. Die Möwen kreischen, als wären wir schon dort.

Ein paar Tage offline, und schon geschehen ganz andere Dinge. Der Blog wird zum Druck, ich müsste mich zwingen, und wenn ich es tue, wird der Text nicht gut. Stattdessen entstehen lange Texte zu ‚adoptiert‘, das im Lockdown stagniert hat. Lange Texte auf den Autobahnen, mein Mann fährt, der Kleine schläft, die Große hört sich über Kopfhörer Märchen an. Ich bin allein, alles ist still, die Landschaften ziehen im Augenwinkel vorbei.

Jetzt ist es wieder still, die Kinder schlafen, die Sonne geht gleich unter, über dem Wald, hinter dem das Meer sein muss.

Ich kann wieder schreiben. Und der Blog wird ein bisschen ruhen.

Zum Krieg.

Dass ihre Großeltern dann doch zusammen geblieben waren, hatte mit dem Krieg zu tun. Er saß plötzlich da oben im Gebirge fest, da konnte sie ihn doch nicht verlassen, meinte ihre Großmutter sechzig Jahre später, immer noch mit Bedauern in der Stimme. Vielleicht wäre das für alle besser gewesen. Sie, die Enkelin, hätte es dann jedenfalls nicht gegeben und sie hätte nicht auf diese Weise unter ihrem Großvater gelitten. Aber hätte er seine Tochter und später die Enkelin denn überhaupt vergewaltigt, wenn er nicht so lange am Berg in eisig kalten Bunkern hätte ausharren müssen? Wenn er nicht mehrfach beinahe verrückt geworden wäre? Und Großmutter, wenn sie wirklich hätte Künstlerin werden können und glücklich-erfüllt in sich selber gelebt hätte, vielleicht hätte Großmutter hinschauen und sogar intervenieren können, Jahre später, bei ihrer Tochter, Jahrzehnte später, bei ihrer Enkelin. Wer wusste schon, was der Krieg angerichtet hatte, in den Familien. Und der Hunger. Die Vorratskeller waren danach immer gefüllt, als drohte der nächste Krieg schon morgen. Noch sie selber, die nie einen Krieg erlebt hat, musste aufpassen, nicht der Vorratshaltung anheimzufallen. Zum Glück hat sie ihren Mann. Der hat mit dem Krieg nichts zu tun.

Das Kind.

Sie wird ihr Kind wiedersehen, das nicht mehr ihr Kind war.

Das Kind hat jahrelang in ihrem Bett geschlafen, jahrelang in ihrem Körper gelebt. Sie konnte das Kind kaum ablösen, von ihrem Schoß, von ihrem Arm, von ihrem Hals, bis es nicht mehr ging, bis sie nicht mehr konnte, und auch das Kind nicht mehr konnte. Bis das Mädchen zurück ging, woher sie gekommen, auch schon Zwischenstation. Nun war sie selber eine Zwischenstation geworden, obwohl sie doch bleiben sollte, Mama auf Lebenszeit, oder Mama bis achtzehn, Langzeitpflegevertrag.

Sie würde ihr Kind wiedersehen, irgendwann, da war sie sich sicher. Das Mädchen war derart tief eingewurzelt gewesen, in ihrem Körper. Es wird sie wieder herziehen, irgendwann. Wenn sie groß genug ist, sich darüber hinwegzusetzen, dass manche im Pflegewesen bei den alten Sätzen bleiben. Es ist besser, wenn du sie nicht mehr siehst. Du musst jetzt zur Ruhe kommen, du wirst sie vergessen. Hier ist jetzt deine Mama. Kinder vergessen schnell, besser, einen Schlussstrich zu ziehen.

Sie kannte die alten Sätze. Sie hielt nichts davon. Sie kannte so viele, die mit diesem „endlich“-Gefühl, mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, auf den Besuch bei der einen oder anderen früheren Pflegefamilie reagiert haben. Weil innen im Körper plötzlich Dinge Sinn machten, ins Lot kamen, zu denen es bisher keine Geschichte, kein Gesicht mehr gab.

Gedächtnisspuren im Körper. Auch ihr Kind, das nicht mehr ihr Kind war, würde diesen Spuren folgen, irgendwann. Und ganz zufällig, am einen oder anderen Tag, ihren Weg wieder kreuzen, um stehen zu bleiben und ihr ins Gesicht zu sehen, in den Körper zu kriechen, mit den Augen, bis sie innerlich wieder angekommen sein würde, in der kleinen Kuhle unter der Decke, in die sie jahrelang genau gepasst hatte.

Nicht verlässlich.

Sie hatten ihre Adresse gefunden. Weil sie sich den einen Kontakt noch offen gehalten hatte, über all die Jahre. Weil sie ihn, der schon fast ein Freund geworden war, nicht aufgeben wollte, nur weil er nicht hat widerstehen können und wieder Kontakt aufgenommen hat mit seinen Eltern, die wahrscheinlich immer noch mit drin steckten. Nun hatte sie die Quittung. Sie hätte den Kontakt abbrechen müssen, spätestens ab der Nacht, in der er ihr erzählt hat, er sei wieder zu seinen Eltern gefahren und wie schön das doch gewesen sei und nun sei er doch endlich nicht mehr allein undsoweiter. Aufgenommen in Muttermund und Vaterpenis, heimgekehrt in den tiefsten Schoß. Nun hing sie auch wieder mit drin, bis weit nach Italien hinein. Und sie hatte doch gehofft, sie wäre draußen. Beim nächsten Umzug wird sie auch ihren Namen ändern müssen. Und mit keinem, KEINEM mehr telefonieren. Es gab keine Freunde, nicht in diesem Feld. Sie waren alle unberechenbar und nie verlässlich. Auch sie. Vielleicht hatte sie ihre Adresse selber rausgegeben. Sie traute sich nicht.

Einrad fahren.

Sie hat ihr Einrad aus dem Keller geholt. Sie kann es noch, es geht! Diese Freude im Körper. Und die Erinnerung an den Freund, der zwei Tage lang mit ihr die Straße auf und ab gelaufen war, ihre Hand auf seiner Schulter. Mit dem Einrad ist sie meist in den Wald gefahren. Wer sie nicht kannte, hat sie für einen Jungen gehalten, mit den kurzen Haaren. Mädchen hatten lange Haare zu haben. Mädchen fuhren auch kein Einrad. Und Mädchen hatten keine Hosen zu tragen. Dass sie sich keine Kleider und Röcke mehr anziehen ließ, seit sie sich handgreiflich wehren konnte, war ständiges Streitthema. Mutter fand ihre Fußballerbeine hässlich und die Kellerkleider furchterregend. Sie hatte sich etwas anderes vorgestellt. Wenn schon nicht einen Sohn, dann wenigstens eine anständige taugliche Tochter. Tauglich wofür? Fürs Verheiraten? Aber verheiratet wurden die Töchter schon lange nicht mehr. Wozu dann die Kleider? Für die Väter und Großväter? Sie kann böse werden, heute noch. Sie war nie nett genug, für Kleidchen.

mit nichts drin.

deine Texte und Briefe sind wie schönes Geschenkpapier. mit nichts drin.

sie erinnert sich an den Jungen, der das gesagt hat. zwei Kinder, die ein bisschen Sex ausprobiert haben. und ein paar Briefe hin und her geschrieben.

in manchen von ihren Texten ist noch heute kein Inhalt. nur Sprache. und Rhythmus.

den Inhalt darf keiner sehen. wenn es um Sex geht, noch weniger.

für den Jungen ging es um Sex.

Krieg. Und Geld. Als wäre es dasselbe Wort.

Er hat in der Waffenfabrik gearbeitet. Hochpräzisionsinstrumente entwickelt. Und sehr viel Geld verdient. Mehr als andere in ähnlichen Berufen anzuhäufen pflegten.

Nach dem Krieg ist er nach Deutschland gefahren. Nach Köln. Von Köln stand kaum noch etwas. Er wollte sofort wieder nach Hause. Danach ist er nie mehr verreist.

Den Engländern hat er Material entwickelt, auch lange noch nach dem Krieg. Sie weiß nur, dass er stolz war, ein Leben lang, auf seine Präzision. Hochpräzision, wie er sagte.

Sie wollte immer mal nachforschen, was genau er entwickelt hatte. Und wofür es verwendet wurde. Aber jetzt will sie es lieber nicht mehr wissen.

Sie hat das Geld geerbt. Jetzt muss sie zusehen, wie sie es vom Krieg trennt.

adoptiert

Sie war adoptiert. Sie wusste das. Natürlich. Ihre Eltern gingen immer offen damit um. Sie war mit sechs in die Familie gekommen. Mit sechs Jahren. Sie nannte das ihre Geburt. Ich wurde mit sechs geboren. Die Leuten lachten dann. Ihre Mama korrigierte sie. Freundlich, aber bestimmt. Es blieb dennoch dabei, sie konnte das gar nicht anders sagen. Sie hatte keine Erinnerung an diese ersten sechs Jahre ihres Lebens. Sie wusste nicht, wo sie in die Kita gegangen war und wer ihre Freunde gewesen waren. Sie hatte keine Bilder von solchen Freunden. Sie wusste nicht, wie sie selber ausgesehen hatte, mit zwei, oder drei. Ob ihre Haare vielleicht früher blond waren, die Augen blau, wie bei anderen Kindern, oder immer schon braun. Heute hat sie braune Haare, braune Augen. Und weiß nicht von wem. Sie hat dieses unbestimmte Gefühl, dass sie es auch nicht wissen möchte. Mehr war da nicht. Jedes Mal, wenn ihre Mama mit ihr davon sprach, dass sie ja schon viel erlebt hätte, auch schon viel Schlimmes, dann hört sie plötzlich nicht mehr zu. Sie sieht Mama sprechen, die Lippen bewegen, kein Ton kommt bis zu ihr. Sie spielt oder zieht sich ein Buch in die Nähe, die Mama fragt, hörst du mir zu, sie nickt, irgendwie kann sie solche Fragen immer hören, vielleicht, weil so viel Nachdruck darin liegt, ansonsten verfließt alles. Sie kann sich an kein einziges Gespräch erinnern, sie wüsste nicht, dass ihre Eltern ihr je etwas Konkretes erzählt hätten, von der Zeit davor. Daher bleibt es dabei, auch wenn die Mitschüler lachen. Sie erzählt es mit einem gewissen Stolz. Ich bin mit sechs Jahren geboren worden. Ich bin adoptiert.

du, sag mal.

sie setzte sich vor ihren Mann. du, sag mal. hast du das schon mal gehört. was früher die multiple Persönlichkeit war. und heute die dissoziative Identität. was meinst du, wenn ich so eine wäre?

aha.

mehr kam da nicht. weder das große Begreifen Verstehen, endlich, das erklärt ja alles. noch ein wilder Protest, nein, du doch nicht.

sie wusste nicht, was sie sich mehr gewünscht hätte.

die Pornoseite.

ein Blick auf die Startseite. zum ersten Mal fand sie es nicht erregend. sie klickte sich nicht von Film zu Film. im Gegenteil. sie fand es nur eklig. am liebsten hätte sie gekotzt. das war neu. sie löschte den Link aus ihren Favoriten.

Rotwein. Salami. Und Eis.

Eine wunderbare Kombination. Rotwein. Italienische Salami. Und Walnuss-Eis.

Als Kind hatte sie Salami und Schokokekse gemischt. Eine Scheibe Salami. Ein Schokokeks. Eine Scheibe Salami. Dazu Orangensaft.

Als Studentin hatte sie Salami und Salzstangen mit schwarzer Schokolade gegessen. Dazu Grappa getrunken. Oder Amaretto. Oder Limoncello. Immer direkt aus Italien. Sie hatte da ihre Quellen.

Heute hat sie keine Quellen mehr. In Berlin ist sie abgeschnitten von Italien. Keiner der Männer hat sie je wieder gefunden. Sie hat die Adresse geheim gehalten. Dachte sie.

Und nun stand er plötzlich vor der Tür. Tintoretto. Der Sohn von Sebastiano. Mit einer Flasche Grappa. Und einer dicken Salami.

Sie hat ihm die Tür vor der Nase wieder zugemacht. Ohne großen Knall. Beinahe sanft. Ohne die Geschenke anzunehmen. Schade eigentlich.

Nun hat sie sich einen Wein aufgemacht. Italienische Salami aus dem Supermarkt, direkt in der Packung auf den Tisch. Und auch das Eis serviert sie sich nicht, sie isst es aus der Box. Es schmeckt ihr. Auch wenn es vermischt ist mit Angst. Wie früher.

Die Angst nimmt ab, je mehr sie isst, je mehr sie trinkt. Sie weiß, das ist keine Lösung. Dennoch findet sie es gut. Heute. Über den nächsten Umzug kann sie sich morgen Gedanken machen. Und woher überhaupt Tintoretto an ihre Adresse gekommen war, nach all den Jahren.

Angenehm milde gestimmt geht sie ins Bad, sanft wäscht sie sich das Gesicht und geht schlafen.

sie trinkt.

sie trinkt Bier. obwohl sie gar nicht wollte. sie trinkt Bier. obwohl sie heute morgen Kopfschmerzen hatte. es ist nicht dieselbe, die jetzt Bier trinkt. sie weiß zwar von den Kopfschmerzen, aber es kümmert sie nicht. sie trinkt. die Kopfschmerzfrau wird es aushalten müssen. morgen.

Ich finde mich schön.

Sie schaute sich ihr Bild an. Sie fand sich schön. Und wußte nicht, woher dieses Gefühl kam. Weil sie sich überaus hässlich fand und unsicher und unfähig. Ohne jegliches Selbstvertrauen, außer am Arm ihres Mannes. Und am Arm ihres Mannes sah sie immer ein bisschen so aus wie sein Kind. Sie wusste das, seit Freunde ihnen einen Magneten für den Kühlschrank geschenkt hatten, mit einem Bild von ihnen beiden als Paar. Sie hing an seinem Arm und hielt sich fest und wollte ihn nie mehr loslassen. Und beschwörte ihn, sie doch zu umarmen, so richtig, mit aller Kraft, dass sie es spüren konnte. Vielleicht sogar zu glauben beginnen könnte, dass er sie immer noch liebte, nach all den Jahren. Er konnte oft nicht verstehen, wie sie so unsicher sein konnte, und ihn bei Kleinigkeiten um seine Erlaubnis oder um eine Entscheidung bitten. Ihn anflehen, nicht um einen Rat, sondern dass er doch bitte sagen sollte, was sie zu tun hatte, es wäre so viel einfacher für sie. Aber das verstand er nicht. Weil sie doch auch eine erfolgreiche Geschäftsfrau war. Und singen konnte, wie eine Göttin. Er liebte ihre Stimme. Und dann saß sie heulend am Küchentisch, wenn er ihr gerade mal nicht bestätigen mochte, dass er sie immer noch liebte, auch morgen noch lieben würde, ja klar, wieso denn auch nicht, er verstand das nicht.

Dass sie sich schön fand, so richtig schön, das war selten. Sie nahm das Bild nochmals zur Hand. Es tat gut, sich selber eine Weile schön zu finden. Sie genoss das.

ein Gespräch.

wo willst du denn hin

die Kinder holen

ach so

oder soll ich sie dort lassen

das wär auch mal eine Idee

Zu früh. Zu müde.

Morgens um fünf aufgewacht.

Wasser kochen. Tee aufgießen. Ziehen lassen.

Routinen. Wie schreiben. Die Hand am Papier am Stift. Erstaunlich, was eine Hand alles leistet, im flüssigen Schreiben. Von einer Seite zur andern, die feine Koordinierung der Bleistiftspitze, ähnliche Schrift, jeden Tag. Und unterschiedliche Schriften, je nach Emotion. Und nochmals eine andere beim „Kopfschreiben“. Wenn ich nur aus dem Kopf schreibe, ist die Schrift anders als wenn der Stift fliegt. Und Dinge schreibt, die mich selber überraschen.

Heute gelingt es mir nicht, mich zu überraschen. Es ist zu früh. Ich bin zu müde.

Lebensgeschichtslosigkeit

Jutta schreibt an einem Buch zur Lebensgeschichtslosigkeit.

So viele Figuren in meinen Texten haben keine Erinnerungen. Oder stark fragmentierte Erinnerungen. Oder so scheussliche, dass keiner sie hören will.

Lebensgeschichtslosigkeit. Mir gefällt das Wort. Ich warte auf das Buch.

Bier trinken.

Er war betrunken. Er hatte schon vier Bier getrunken. Und das fünfte, das war auch schon fast leer. Dem andern sein Bier war noch fast voll. Er kannte ihn nicht, den andern an seinem Tisch. Jetzt setzten sich die Leute ja schon wieder zu einem an den Tisch. Das durften sie zwar noch nicht. Aber den meisten war das egal. Solange sie wieder trinken konnten. Mit dem andern saß er jetzt schon fast eine Stunde zusammen. Er wusste nichts von ihm. Sie hatten kein Wort gewechselt. Der andere hatte einen Anruf angenommen, ja Schatz, ich bin gleich da, und wieder aufgelegt. Mehr wusste er nicht von ihm. Jetzt war er auf Klo. Er stellte sich vor, wie der andere in den Toilettenraum trat, sich hinter einen pinkelnden Mann stellte, ihm die Hose hinten ein wenig runterzog und ihn fickte, bevor er nach vorne trat und in aller Ruhe pinkelte. Schaumig pinkelte. Ohne zu spülen. Und ohne die Hände zu waschen. Und bevor der andere wieder zurück kam, vom Klo, griff er mit seiner eigenen Hand nach dessen Bier, das noch fast voll war, und nahm ein paar lange tiefe Züge. Wenn sie schon an einem Tisch saßen, konnten sie auch aus einer Flasche trinken.

Eingezwängt.

Die Vögel lärmen. Mir tut die Brust weh, das Atmen. Ich war eingezwängt, nachts, zwischen Kindern und Mann. Wiesehr die Kinder in die Nähe rutschen, in diesen Zeiten. Nichts mit im eigenen Zimmer im eigenen Bett. Mama, ich habe Angst.

Eingepinkelt.

Eingepinkelt. Das Gesicht in die nasse Hose gedrückt. Den Hintern versohlt.

Und stattdessen ist alles ganz anders. Eine große dicke runde Frau mit riesigen Brüsten in wunderbar farbigen Kleidern, Schichten von Stoffen übereinander, nimmt sich eines ihrer vielen Tücher vom Leib, wickelt sich aus und mich ein, steht vor mir, in neuen Farben, und umhüllt mich mit diesem warmen sanften gelb und grünen Tuch, fast ohne mich zu berühren, und doch sitzt der Stoff fest, dass ich mich umarmt fühle, samten, und unter dem Stoff die nasse Hose ausziehen kann, ohne dass mich einer sieht.

Die nasse Hose lasse ich liegen, ich brauche sie nicht mehr.

Eine Treppe höher.

Sie ist eine Treppe höher hinaufgestiegen als sonst. In Gedanken. Sie hat den Schlüssel ins Schloss gesteckt. Er passte. Aus dem Flur kam der Nachbar ihr entgegen, mit einem Strahlen, fast einem Grinsen im Gesicht. Schön, dass du mal bei mir vorbeischaust. Magst du einen Tee trinken – oder lieber direkt ins Bett?

Sie weiß nicht mehr, was sie ihm geantwortet hat. Ob sie überhaupt etwas gesagt hat. Er nahm sie an der Hand und führte sie irgendwo hin – in die Küche, ins Schlafzimmer? – sie erinnert sich nicht. Sie weiß nur, dass sie drei Tage später in gewisser Weise zu sich kam, den Geruch nach Sperma und Schweiß und ungewaschen an ihrem Körper eklig fand, ihren Schlüssel vom Schlüsselbrett nahm und nackig die eine Treppe nach unten ging, mitten am Tag, weil sie ihre Kleider nirgends finden konnte.

Sie war drei Tage nicht auf Arbeit gewesen und hatte anscheinend wilden Sex genossen. Sie schloss ihre Tür mit Schlüssel, doppelt, und schob den Riegel vor. Sie wollte erst mal duschen.

Ich will mich nicht anpassen.

Ich kann nicht schreiben. Ich bin zu wütend, um zu schreiben. Zu traurig. Zu verletzt. Und mit dieser Brille über den Augen, dass es ein guter Text werden muss. Rund. Und auch mit etwas freundlichem drin.

Woher kommt das denn jetzt wieder. Wieso muss jeder Text denn auch etwas freundliches drin haben. Ich will das gar nicht, freundlich schreiben. Manchmal möchte ich, dass es mir wieder egal wäre, wer das ganze Zeug liest. Um wieder brutal zu schreiben. Und wütend. Oder traurig. Oder glücklich verliebt. Wie es gerade ist. Kein veränderter angepasster Schmus.

Ich will mich nicht anpassen.

Am liebsten würde ich immer noch ab und zu auf die Baustelle gehen. Ein Holz in die Hand nehmen. Und zuschlagen. So richtig mit aller Kraft zuschlagen. Das hat gut getan. Dieses Krachen. Holz auf Holz.

Diese wunderbare pure Wut.

Wieder der Müllwagen vor dem Haus. Manchmal habe ich das Gefühl, die kommen jeden Tag. Die Häuser zittern, der Lärm ist unangenehm. Ich möchte Stille. Und meine Wut kultivieren.

Wenn sie in Reinform wäre, ohne die ganze alte Verzweiflung und Trauer, wie würde sie wohl aussehen. Rot. Oder Gelb. Ich weiß es nicht mal. Schwarz. Vielleicht schwarz. Ein riesiges schwarzes Loch, in dem ich alle zusammenschlagen könnte. Eine Grube, wie früher, als Kinder. In großen Bandenkriegen haben wir uns stundenlang verprügelt, auf den Baustellen der neuen Häuser am Dorfrand, nach vier, wenn die Bauarbeiter gegangen waren. Mit langen Dachlatten aufeinander losgeprügelt, Lanzen und Spieße von richtigen Rittern. Wir Mädels mittenmang, mit genauso viel Kraft, genauso viel Wut, oder mehr noch. Von dieser puren Wut, die nur noch schwarz sieht, das Holz in der Hand, und rennen, und schlagen. Bis die eine oder andere der Banden als Sieger galt, für den jeweiligen Tag. Und wir auch noch ein paar freundliche Worte mit den Feinden wechseln konnten, auf dem Heimweg. Oder den ein und andern verarzten gehen, bei der ein oder andern Bauernhof-Oma. Die Großmütter auf den Höfen haben am wenigsten gefragt. Und nicht gleich diese Predigten gehalten. Verletzen konnte man sich überall, im Wald im Feld im Stall in der Scheune. Das gehörte dazu. Nicht so bei uns Häuschenleuten. Da war es unangenehm, verletzt nach Hause zu kommen. Und keine Erklärung bereit zu haben. Den Rausch des Kampfes konnte man nicht erzählen. Diese wunderbare pure Wut.

Schwerverletzte gab es nur ein einziges Mal, nachdem die andern unsere mühsam in tagelanger Arbeit in einen Erdhügel gegrabene, für die Bauarbeiter perfekt getarnte Höhle über Nacht zerstört hatten. Nicht im fairen Kampf, sondern heimtückisch hinterrücks nachts. Dafür gab es keine Entschuldigung. Das Holz wurde zu Metall, auf den Baustellen lag genug gefährliches Material. Waffen in den Händen von Kindern, die keine Regeln mehr kannten, nur noch Rache.

Ab da war es vorbei mit unseren wunderbaren Kämpfen und Kriegen auf den Baustellen, keiner ließ uns mehr unbehelligt spielen. Uns fehlte etwas. Die Wut verlegte sich in den Untergrund, auf den Pausenhof, unter Aufsicht. In diese fiesen Querelen, die so viel mehr verletzt haben als all die Hölzer auf den Baustellen.

Ich wünschte mir Baugruben. Für die Kinder. Und Wälder. Und Felder.

Und kam nicht wieder nach Hause.

Sie ging Brötchen holen, Sonntag früh, zum ersten Mal allein. Gerade sechs geworden, ein schönes Mädchen. Und kam nicht wieder nach Hause.

Sie versucht, sich zu erinnern, wie das damals war, zu verschwinden. Wie leicht, in gewisser Weise. Der fremde Hausflur, die offene Tür. Und sich mitten in die Familie gesetzt. Die Familie war nett, die Familie war riesig. Auf ein Kind mehr oder weniger kam es nun auch nicht an. Wenn das Jugendamt kam, hielt sie sich versteckt. Das Jugendamt kam oft, solche Großfamilien sind suspekt, mehr als ihre eigene das je war. Aber sie haben sie nie gefunden, all die Jahre nicht. Die Familie hat ihr die Haare gefärbt, tiefschwarz, und sie gestreckt, geglättet. Keiner hätte sie erkannt. Sie glich ihren drei Schwestern aufs Haar. Alle diese schwarzen langen Haare, helle Haut und blaue Augen. Blau und schwarz. Keiner im Haus hat ihr je eine Frage gestellt. Sie wurde gemeldet, als ein bisher bei den Großeltern im andern Land noch gelebtes Kind. Mit einer Geburtsurkunde, woher auch immer die Familie sie hergekriegt hatte. Sie konnte bleiben, als Schwester von drei Schwestern. Als Kind der Familie ging sie zur Schule, keiner hat sie dort je gesucht. Sie galt lange als vermisst. Irgendwann haben ihre Eltern sie totschreiben lassen.

Sie lehnt sich zurück. Sie erinnert sich gern an ihr Verschwinden. Sie telefoniert noch heute fast täglich mit der ein oder andern von ihren Schwestern. Zwei von ihnen sind ins andere Land gezogen, „nach Hause“, obwohl sie vorher nie dort gewesen waren. Eine lebt in Deutschland, wie sie, ganz in der Nähe. Sie sehen sich oft. Dass sie nicht Schwestern sein könnten, kommt ihnen kaum je noch in den Sinn. Wenn sie sich daran erinnern, lachen sie. Lange und tief und warm.

Ich hätte gerne eine andere Haut.

Ich habe die Haut meiner Mutter geerbt. Ich hätte gerne eine andere Haut. Eine, die im Sommer braun wird, statt fleckenübersät gesprenkelt. Alt sieht sie aus, meine Haut, wenn sie zu viel Sonne abkriegt. Wie die Haut einer alten Frau.

Ich hätte gerne eine andere Haut. Aber ich weiß, woher sie kommt. Meine Tochter weiß nicht, von wem sie ihre Haut hat. Oder ihre tollen Locken. Ich stelle mir vor, sie kommen von ihrer leiblichen Mutter. Aber woher will ich das wissen. Vielleicht sind sie auch von der Oma, die Locken, und die Haut kommt vom Vater.

Ich weiß, woher meine Haut kommt. Großmutter hatte auch schon eine solche. Sosehr ich mir im Sommer jeweils eine andere Haut wünschte, so gibt es doch ein Stück Boden in mir, zu wissen, woher alles kommt. Als könnte ich je von allem wissen, woher es kommt. Aber so fühlt es sich an. Als hätte ich zumindest die Möglichkeit, von so vielem zu wissen oder herauszufinden, woher ich es habe, von welchen Vorfahren und Ur-Vorfahren.

Ich sitze auf dem Balkon, die Sonne ist verschwunden. Für meine Haut ist das gut. Ich möchte nicht alt aussehen, nicht jetzt schon.

Erfinden.

Sie hat keine Erinnerung. Sie versucht, sich eine Kindheit zu erfinden. Wo soll sie anfangen. Womit. Wie hat sie ausgesehen, als dreijährige, fünfjährige, siebenjährige. Wo ist sie zur Schule gegangen und mit wem. Was hat sie gerne getragen, was hat sie gerne gegessen. Und war sie lieber allein im Wald oder mit den Freundinnen in der Eisdiele.

Sie versucht, sich etwas auszudenken, das zu ihr passen könnte.

Sie erfindet sich eine Kindheit. Wie einer Figur. In einem Buch.

Sie notiert es sich. Weil sie es sonst gleich wieder vergisst.

Dem nächsten, der fragt, wird sie etwas erzählen können.

Löschen.

Sein Bruder hatte ihn angerufen, ihm auf Band gesprochen. Er war gar nicht erst rangegangen, er wusste, dass ihm das nicht gut tat. Aber der Anrufbeantworter stand in der Küche, das Blinken am Apparat blieb. Wie sollte er das Blinken ausschalten, ohne die Nachricht zu hören? Konnte man die Nachrichten direkt löschen?

Das hat er dann gemacht, das war tatsächlich möglich. Die Nachricht startete nicht, er musste die verhasste Stimme nicht hören. Verhasst, weil sie immer so freundlich klang, sich so durch und durch freundlich anfühlte, als wäre nicht nur nie etwas vorgefallen, sondern als wäre im Gehirn seines Bruders auch tatsächlich nicht die kleinste Spur eines Vorfalls übrig geblieben. Keine Erinnerung, keine Ahnung, keine Vermutung, nicht mal die leiseste Möglichkeit eines Vorfalls. Geschweige denn wiederholter Vorfälle.

Eine grundfreundliche Stimme, liebevoll im Ton, als würde es ihn tatsächlich interessieren, wie es ihm ging. Ihm, dem schwarzen Schaf in der Familie, dem psychisch kaputten, dem wirtschaftlich zumindest instabilen. Es machte ihn gleich nochmals wütend, dass ihm ein großes Vorerbe ermöglicht würde, sobald er endlich bereit wäre, sein Leben den Vorstellungen der Familie anzupassen. Sein Bruder hatte die Methode der Alten verteidigt, sieh doch, das macht doch Sinn, bei deinem Lebenswandel, sonst ist das Geld doch gleich weg. Seither hasste er die freundlichen Nachfragen auf dem Anrufbeantworter noch mehr.

Er ging schon länger nicht mehr ran, wenn sein Bruder ihn anrief. Diesmal hatte er die Nachricht zum ersten Mal nicht mehr abgehört. Er spürte die Erleichterung, körperlich. Dass nicht erst die Stimme angehen musste, bevor er das Symbol mit dem Mülleimer auswählen konnte. Aus seiner Sicht war diese alles-ist-gut-und-alles-war-immer-gut-gewesen-Stimme schlicht Müll. Seine Wahrheit sah anders aus, auch wenn er wusste, dass es Wahrheit im Gehirn nicht gab. Dass sein Leben seither, die Jahrzehnte, seit er ausgezogen, dass all die Jahre rückwirkend die Erinnerung verändert verfärbt geschärft verfälscht und neu gemalt hatten. Bis nichts mehr stimmte, nichts mehr war wie es war. Dennoch vertraute er seinem eigenen Erinnerungsgefühl um vieles mehr als dieser schein-freundlichen glückliche-Kindheit-Bruderherz-Stimme.

Jetzt konnte er löschen. Und er war sich im genau selben Moment bewusst, dass er dann auch die Todesnachricht verpassen würde, wenn es so weit war. Dass er dann auch nicht hören würde, wie sein Bruder mit freundlich-tieftrauriger Stimme ihm mitteilen würde, dass Vater oder Mutter jetzt tot waren. Wenn es wichtig war, würde irgendjemand ihm schreiben, das reichte ihm. Und wenn er enterbt sein sollte, bis dahin, dann sollte ihm das auch recht sein. Sie sollten sich auch posthum nicht mehr einmischen in sein Leben. Er war psychisch und wirtschaftlich nicht stabil. Aber lieber instabil, als alles hinter einer freundlich-liebevollen Wand des Vergessens.

Er war sich sicher, dass er, wenigstens er, im Tod im Sterben dann nicht mehr ganz so viele unbekannte seltsame verschreckende Szenen würde sehen müssen. Weil er viele Dinge schon kannte, die der letzte Film ihm würde vorspielen können. Er freute sich eher darauf, es sich dann nochmal im Zusammenhang und in der Chronologie anzusehen. Hoffentlich wird sein Tod ihm Zeit lassen für das Abspulen des gesamten Films.

Auf der Suche nach einem goldenen Faden.

Ich wollte nicht über Kopfschmerzen schreiben. Ich habe doch über Kopfschmerzen geschrieben. Weil ich wieder so oft Kopfschmerzen habe, in dieser Zeit.

Ich tauche mit meinen Kopfschmerzen in Bilder ein, wie Kinder von Erwachsenen gequält werden. Wie ihnen die Erinnerungen gestohlen werden, damit sie nicht aussagen können. Damit sie nicht einmal um Hilfe rufen können. Womit denn, mit welcher Begründung? Es war ihnen ja nichts geschehen. Ihr inneres Gefühl allein? Dem glaubt doch keiner. Erst recht nicht, wenn die Erwachsenen so freundlich sind, gut eingebunden in der Gemeinde.

Ich wünsche niemandem Kopfschmerzen. Und doch, manchmal doch. Ich möchte schreiben können, bis die Kopfschmerzen fühlbar werden, die Finger in den Schläfen. Nicht nur für traumatisierte Menschen, die sich erinnert fühlen. Sondern auch für Menschen, denen es gut gegangen ist, die mehr Widerstand in sich haben, gegenüber solchen Schilderungen, die sich innerlich wehren, sich einzufühlen.

Obwohl es oft so schrecklich ist, sich einzufühlen. Ich möchte schreiben können, bis alle lesen möchten. Weil der Text als Text so schön ist. Nicht der Inhalt, aber der Text. Bis der Text nicht nur einen Sog bereit hält, sondern auch eine Einladung. Einen goldenen Faden. An dem die Leserinnen und Leser nach den Schrecklichkeiten wieder auftauchen können.

Kopfschmerzen.

Kopfschmerzen. Der Kopf eingezwängt in Schraubzwingen. Die Finger in den Schläfen. Finger, die hinein drücken, ins Weiche, ins Gehirn. Als könnte die Mutter ihr ins Gehirn fassen. Und die Bilder verändern, die Erinnerungen. Der Kopf wird hinunter gedrückt, bis auf die Tischplatte. Der Druck im Kopf ist so hoch, dass ihr schwarz wird. Schmerz gibt es keinen mehr. Wenn sie wieder aufwacht, weiß sie in der Regel nicht mehr, was geschehen ist. Als wäre ein ganzer Nachmittag ausgelöscht. Fünf sechs Stunden, die ihr fehlen. Immer wieder. Zusammengezählt wären das ganz schön viele Tage und Wochen und Monate. Lebenszeit, von der sie nichts mehr wusste.

Seit sie wieder öfter Kopfschmerzen hat, sieht sie die Finger ihrer Mutter in den Schläfen ihrer Schwester. Und spürt die Finger am eigenen Kopf. Aber was sind diese Bilder? Erfindungen ihres schmerzgeplagten Kopfes? Erinnerungsbilder, die jetzt nach vierzig Jahren langsam durch die Barrieren sickern? Wahrheit? Oder Verleumdung?

Sie weiß von einigen Quälereien, die ihr von Menschen aus der Kindheitsnachbarschaft bestätigt wurden. Aber die Schraubzwingen? Die Finger in den Schläfen? Wären nicht Spuren sichtbar gewesen, am nächsten Tag, in der Schule?

Es gibt so viele Wege, spurenlos zu quälen.

Ich habe mich dazwischen gestellt.

Ich habe mich zwischen die Jugendlichen gestellt. Ohne zu zögern.

Ich habe mich dazwischen gestellt, obwohl sie alle einen Kopf größer waren als ich, einige um vieles schwerer. Zwei Mädchen, am Rand, der Rest schwarz gekleidete Jungs, die ganz plötzlich einen der Kleinsten aus ihrer Gruppe umringt haben, an den Metallzaun gedrückt, am Sportplatz, direkt am Spielplatz. Ihm ins Gesicht gefasst, den Kiefer gepackt, den Arm verdreht. Es sah alles andere als freundlich aus.

Ach was, das ist doch nur Spaß, das ist mein Cousin, das ist mein kleiner Bruder, wir haben ihn ganz doll lieb, Küsschen auf die Wange, siehste. Aber für mich, für mich sah das alles nicht nach liebhaben aus.

Sie sind wieder verschwunden, vom Spielplatz. Männer fragen mich, hinterher, was denn gewesen sei. Väter mit kleinen Kindern. Keiner ist dazwischen gegangen. Habe ich übertrieben?

Ich spüre, wenn einer Angst hat. Der Kleine hatte Angst. Ich kann Angst nicht ignorieren. Meistens lähmt sie mich, auch fremde, von außen miterlebte. Heute nicht. Heute bin ich aufgestanden, ohne zu denken, ohne zu zögern. Und habe mich dazwischen gestellt. Klein und schmal zwischen Großen. Ich habe mich keinen einzigen Moment gefährdet gefühlt. Als wären sie froh, dass eine etwas sagt. Als wären sie mir dankbar, auf eine seltsam verquere Weise.

Mein Blut wirft Blasen, jetzt noch, lange hinterher. Im Affekt habe ich mich nicht gespürt. Ich stand mitten drin, und es war in Ordnung. Als hätte es Raum gegeben, rund um mich. Als hätte man mir, MIR, ganz subtil ein ganz klein wenig Platz gemacht. Ein ganz klein wenig Achtung, unter all den rauen Reden. Es ging mir nicht schlecht, unter den Jungs. In einem schmalen Bereich habe ich mich sogar wohl gefühlt. Mich gebadet, in dieser Halbstarkenpower. Als könnte ich sie aufsaugen.

Ich habe mich dazwischen gestellt. Ohne Angst.

Das war gut.

Mit den Jahren sind die Träume weniger geworden.

Sie hatte ihn selber losgeschickt. Er war viel zu müde, um noch etwas für sich selber einzufordern. Die Kinder waren so klein, die Nächte so furchtbar, die Tage so herausfordernd. Da hatte sie ihn losgeschickt, Motorrad fahren. Eine Pause von den Kindern, eine Pause von der Frau, eine Pause von allem. Fahrtwind, leere Straßen, die Weite Brandenburgs. Irgendwo in einer Bäckerei einen Kaffee trinken, ein Teilchen essen. Und wieder fahren, durch die Wälder brausen, über die vereinzelten Hügel, deren gebogene Straßen sich anfühlen wie Passstraßen, in dem platten Land.

Sie hatte ihn selber losgeschickt. Oder war es ein anderer Tag? Er war manchmal auch von sich aus losgefahren. Wenn sie ehrlich war, konnte sie sich einfach nicht mehr erinnern. Es gab so viele Tage, an denen sie mit den Kindern auf dem Balkon gestanden hatte, über die Jahre. Ein kleines auf dem Arm, ein zweites, ein drittes, später standen sie schon selber am Geländer. Sie hatten ihm hinterhergeschaut und gewunken. Welch ein schöner Mann. Welch ein wunderbarer Papa.

Sie konnte sich nicht erinnern, wie es gewesen war, an jenem Tag. Als würde alles davon abhängen, ging sie wieder und wieder die Abschiedszenen durch, die in ihrer Erinnerung gesammelt lagen, die gemeinsamen Frühstückszeiten an freien Tagen, was hatte sie gesagt, was er, was die Kinder. Vielleicht hatte auch die Große ihn losgeschickt? Weil sie bereits wusste, wieviel ruhiger, entspannter, zufriedener er nach Hause kam, nach einer Motorradtour, nach seinen Fahrten durch Brandenburg.

Das Gefühl blieb bestehen, über viele Jahre, dass sie ihn selber losgeschickt hatte. Dass sie NUR etwas anderes hätte sagen müssen, am Frühstückstisch. Sie träumte davon, wie sie ihn zurückhielt, nein, heute nicht, bitte, ich bin zu müde, ich kann nicht, alleine mit den Kindern. Oder wie ein Kumpel anrief, etwas von ihm wollte. Oder wie sie sein Losfahren hinauszögerten, sie und die Kinder, mit so vielen Dingen, die sie ganz dringend noch von ihm brauchten, bevor er endlich losfahren konnte. Sie träumte, wie er eine Stunde später an der Unfallstelle vorbeifuhr, wo die Helfer bereits die Trümmer beiseite geräumt hatten. Träumte, wie er an den See fuhr, einen Kaffee trank, und wieder zu ihnen zurückkam.

Mit den Jahren sind die Träume weniger geworden. Die Kinder haben nicht mehr so oft geweint. Sie hat die Farben wieder gesehen, den Duft der Linden wieder wahrgenommen, als könnte sie ihn auf der Haut spüren.

In dem Frühsommer, als sie zum ersten Mal die Linden wieder blühen gerochen hat, in dem Frühsommer hat sie sich neu verliebt. Sie hätte das nicht für möglich gehalten.

Ein Appell.

„Ich will, dass wir hinschauen. Bis wir sie sehen können. Die Kinder, die unsere Hilfe brauchen.“

Schreiben in der Hoffnung, Augen zu öffnen. Schreiben fürs Hinschauen, fürs Helfen, die Hand ausstrecken. Ein freundliches Wort, einmal sitzen bleiben neben einem seltsamen Kind auf dem Spielplatz, auch wenn es anstrengend ist. Weil es distanzlos ist, oder in meine Tasche greift. Weil es viel zu nahe Fragen stellt oder manipuliert, die anderen Kinder, und mich. Weil es aggressiv ist, andern weh tut, im Verborgenen, in den Holzhäusern, hinter den Büschen, wehe du erzählst es einem. Weil die Augen so sind, dass wir lieber wegschauen und uns woanders hinsetzen. Oder weil es viel zu still in einer Ecke sitzt, immer ohne Eltern auf den Spielplatz kommt. Oder schnell wechselt, zwischen super still und super laut, zwischen auffällig im Mittelpunkt und quasi nicht mehr sichtbar, obwohl es noch auf dem Platz ist. Und und und.

Kinder mit schwierigen Augen. Die schön sein können. In die wir trotzdem nicht so gerne schauen.

Es merken, wenn wir wegschauen. Und dann nochmals hinschauen! Und nochmals. Und immer mal wieder. Die meisten lassen sich nicht im Verborgenen betrachten, sie merken unsere Blicke sofort. Nicht wegrennen, innerlich, wenn uns eines entdeckt, und zurückschaut, und abtastet, mit Alarmsystemen, überlangen Antennen, wer wir sind, was wir sind, was wir von ihnen wollen. Nichts wollen, bitte. Einfach nur da sein. Hinschauen. Da bleiben. Und weiter hinschauen. Freundlich. Offen. Mit dieser Einladung. Wenn du magst, irgendwann, ich bin da. Vielleicht magst du dich ja, irgendwann, irgendwann, mit zu mir auf die Bank setzen. Ans andere Ende. Oder dich in meine Nähe stellen, irgendwo seitlich hinten. Ich werde da sein. Ich habe Zeit.

Und nicht mehr wieder wegschauen, bitte!

Hinschauen.

So viele Bilder. Wenn ich schreibe und in Bildern weile, tauchen so viele verschiedene Bilder auf, die lange nicht alle zu mir gehören. Auch wenn sie sich tarnen wie neu auftauchende Erinnerungen, es fühlt sich eher an wie ein großer Strom von vielen kollektiven Erfahrungen. Wieviele Kinder haben Strafen in kalten Kellern abgesessen. Wieviele tun es heute noch. Und wir schauen weg.

Ich will, dass wir hinschauen. Ich, obwohl es mir wehtut. Die anderen, die ähnliches erlebt haben. Und alle übrigen, die nicht wissen, wie es ist, im kalten Keller allein zu sein. Bis wir es sehen können, in den Blicken der Kinder in der Nachbarschaft. Welche Kinder unsere Hilfe brauchen, weil sie zu oft in dunkeln Kellern hocken.

Allein.

Ich bin allein. Ich bin allein. Ich bin allein. Ich erinnere mich.

Sie sitzt auf dem kalten Kellerboden, im dünnen Sommerkleidchen. Die Tür ist verschlossen. Es handelt sich um eine Strafe, das weiß sie. Sie weiß nur nicht, wofür. Das weiß sie selten, wenn sie bestraft wird. Und sie wird häufig bestraft.

Sie ist allein. Allein allein allein. Angebunden in ihrem Schlafsack. Am Bettgestell angebunden. Sie kann sich nicht drehen. Und nicht aus dem Bett steigen. Draußen hört sie die Stimmen der Nachbarskinder. Es ist noch hell. Sie spielen auf der Straße. Die Fensterläden vor ihrem Fenster sind geschloßen. In ihrem Zimmer ist es dunkel. Halbdunkel. Durch die Spalten in den Fensterläden kommt Licht.

Sie klopft an die Wand. In der Wand wohnen ihre fünf Schwestern. Die Schwestern sind immer zuhause. Sie leisten ihr Gesellschaft, wenn sie allein ist. Nur im Keller, da kommen sie nicht hin. Der Keller ist ihnen zu dunkel.

Sie klopft an die Wand, und eine nach der andern steigen sie zu ihr ins Zimmer. Carla Carla Franziska Martina Ursina. Wieso die ältesten zwei beide Carla heißen, dazu gibt es eine abenteuerliche Geschichte. Die Älteste war als Baby eine Weile verschollen gewesen.

Sie liegt angebunden in ihrem Schlafsack. Sie ist nicht mehr allein. Sie hört die Stimmen von draußen, die Kinder auf der Straße. Und sie hört die Stimmen ihrer Schwestern, die sie langsam in den Schlaf murmeln. Ihre Schwestern, die sie streicheln, sie lieb haben. Die sie beim nächsten Mal, bestimmt beim nächsten Mal, mitnehmen werden, durch die Wand hindurch, in ihr anderes Land.

Sie weiß nicht, welcher Tag heute ist.

Sie weiß nicht, welcher Tag heute ist. Sie findet das Buch nicht mehr, in dem sie gestern gelesen hat. Oder war das vorgestern gewesen? Aber was war denn dann gestern gewesen?

Nachmittags, mit den Kindern, da war sie auf den Spielplatz gegangen. Eine Freundin hat sie dort besucht, weil Spielplatz der einzige Ort ist, an dem man mit Kindern auch mal ein Erwachsenengespräch führen kann. Durchbrochen von Notfällen, Hunger Pipi Durst Pflaster. Aber dennoch, fast ein Gespräch. Daran kann sie sich erinnern, an den Nachmittag mit der Freundin.

Aber der Vormittag, die paar Stunden ohne Kinder? Sie wollte sollte die Steuer machen, vom Vorjahr. Um nicht wieder so spät zu sein, ausnahmsweise. Die Steuer hat sie jedenfalls nicht gemacht, das hat sie schon gesehen. Der Stapel liegt unberührt, den hat sie nicht angefasst. Was hat sie dann getan? Immerhin vier Stunden. Und wenn jetzt auch noch das Buch weg ist, in dem sie doch gelesen hat, zuhause, auf dem Sessel.

War das vorgestern gewesen? Sie sieht sich sitzen, in dem großen weichen Sessel, mit dem Buch in der Hand. Endlich mal wieder ein Buch, hatte sie noch gedacht. Aber das Buch ist nirgends. Nicht in der Wohnung, nicht in den Taschen. War sie gestern draußen gewesen? Hatte sie es mit nach draußen genommen? Aber wohin?

Ihr Lieblingscafé hat noch geschlossen. Sie weiß nicht, ob es je wieder öffnen wird, nach dieser seltsamen Zeit. Die Leute dort sind schon vorher nicht reich geworden. Viele der Gäste waren Menschen wie sie, die einen einzigen Kaffee tranken und lange lange sitzen blieben. Mit einem Buch oder einem Freund, mit dem Laptop oder mit Stift und Papier.

Sie hat immer von Hand geschrieben, im Café. Sie vermisst diesen Platz, einen ihrer Lieblingsplätze. Sie hat sich dort sicher gefühlt, auch unter Menschen. Nun sitzt sie immer zuhause. Denkt sie jedenfalls. Aber wenn das Buch weg ist?

Sie hat Angst. Große Angst. Mit Worten nicht beschreibbare Angst. Was ist, wenn sie wieder Dinge tut, ohne es zu merken? Wenn sie das Haus verlässt und wieder nach Hause kommt und denkt, sie hat im Sessel gesessen den ganzen Vormittag mit einem Buch?

Und wo, wo genau war sie denn unterwegs gewesen? Jetzt, wo man eigentlich nirgendwo hin gehen konnte. Und mit wem? Wenn das wieder eine Frage wurde, ohne dass sie es gemerkt hatte. Hektisch beginnt sie, nach Spuren zu suchen, in der Wohnung, im Hof, im Fahrradkeller.

Schließlich fragt sie ihre Freundin, ältere Dame, Künstlerin im Erdgeschoß. Deren Fenster gehen zum Hof. Und außer mit dem Hund zu gehen, hat sie nichts zu tun, in dieser Zeit. Keine Aufträge, keine Kurse, keine Filme, kein Geld. Sie sitzt und schaut in den Hof.

Der Blick ihrer Freundin ist klar und wach und freundlich. Ja, du bist gestern Vormittag dreimal mit dem Rad weggefahren und kurz danach wiedergekommen. Vorgestern auch schon, und den Tag davor. Ich habe mich schon gewundert.

Sie wundert sich über nichts mehr. Aber sie fürchtet sich. Und hat keine Ahnung, wohin sie weggefahren ist. Wen sie getroffen hat. Und wozu. Nur dass sie jemanden getroffen hat, oder mehrere, von DENEN, darüber ist sie sich ziemlich sicher.

Ach, komm doch zu mir ins Atelier. Na komm schon. Wir trinken einen Tee und du erzählst. Wir werden schon eine Lösung finden. Und dann wissen wir auf jeden Fall schon mal, wo du bist. Das ist doch schon ganz schön viel, oder?

Sie glaubt an keine Lösung. Aber Tee trinken. Und nicht allein sein. Das ist ganz schön viel. Sie lächelt ihre Freundin an. Und tritt ins Atelier. Atmet den Geruch nach Farben und Holz und Leim. Vor dem Fenster blühen die Rosen.

Neue Knospen.

Ein Bilderbuch auf den Knien, Papier darüber. Sonne im Gesicht. Schreiben auf dem Balkon. Der Wind treibt die beiden Windrädchen an. Das eine dreht leise samten. Das andere ist schon alt, vom letzten Jahr, und quietscht und rattert, übertönt die Vögel.

Die Vögel haben lange alle Knospen der Nelken abgebissen. Als Futter? Für die Jungen? Zum Nestbau? Jedenfalls haben sie jetzt aufgegeben. Die Nelke hat neue Knospen getrieben. Heute ist die erste aufgeblüht. In der Früh wahrscheinlich, sie ist schon ganz offen und leuchtet in der Sonne.

Neue Knospen treiben. Überall dort, wo uns welche abgebissen werden. Oder direkt daneben. Wenn ich Musikerin werden wollte, als Jugendliche, als junge Studentin. Und mir alles abgebissen wurde, jede einzelne Knospe. Dann kann ich schreiben. Oder ganz neue Instrumente lernen. Als Erwachsene ein Cello übernehmen, ein gebrauchtes, mit einem wunderbar warmen Ton. Oder plötzlich singen, mehr als Kinderlieder. Mich auf die Straße stellen, wie die junge Frau in der Unterführung, die mich zu Tränen berührt hat, mit ihrem Gesang, mit ihren Texten. Die mir Mut gemacht hat, mich doch mit hinzustellen. Dann haben wir zu zweit gesungen.

Die Leute sind stehen geblieben. Ich habe es nicht gemerkt. Wasser im Gesicht. Klang im Körper. Die Stimme dieser Frau, so jung, so tief, so viel erlebt, so erfahren. Als wäre sie eine weise Alte, die mich an die Hand nimmt, zu meinen ganz eigenen Tönen. Die Menschen wischen sich Tränen aus den Augen, legen Geld in den Hut. Für die junge Frau, für mich, für sich, für die Tränen.

Neue Knospen, wie die Nelken. Lass dir ruhig alles abbeißen, wenn die Vögel hungrig sind. Es wird etwas nachwachsen, irgendwann. Ein wenig reicher, ein wenig kräftiger in der Farbe. Ein bisschen tiefer im Klang.

Es ist schön, auf dem Balkon zu schreiben. In der Sonne. Zwischen Windrädern und Vögeln und Nelken.

Sie wird ihre Eltern nicht mehr kontaktieren.

Frühmorgens. Die Linde mit immer mehr gelb im grün. Bald blüht sie. Ich mag die Linden in Berlin. Ich mag Berlin.

Sie lehnt sich zurück und atmet. Wenn sie nur Nase sein könnte, für die Linden. Und den Rest vergessen. Bis sie nicht mehr weiß, wer sie ist.

Sie wird ihre Eltern nicht mehr kontaktieren. Auch wenn sie langsam alt werden. Es geht ihr gut, in der großen Stadt. Sie braucht niemanden mehr. Sie genießt es, allein zu sein. Sie hat es gelernt geübt. Sie kann nicht mehr anders.

Manchmal sind da Menschen, die sie einladen und dabei haben möchten. Und es gelingt ihr nicht, hinzugehen. Oder ein zweites, ein drittes Mal hinzugehen. Oder sogar selber einzuladen. Auf solche Ideen kommt sie nicht. Sie mag ihre kleine Klause, mitten in der Stadt. Sie hat sich gemütlich eingerichtet, sie mag es niemandem zeigen. Wirklich nicht.

Manchmal gibt es sogar Männer, die an ihr dranbleiben, hartnäckig, wie kleine Anhängsel. Sie lässt keinen mehr ein, weder in sich, noch in ihre Wohnung. Sie hat genug davon. Sie hatte schon immer genug davon. Sie will nicht mehr. Nie mehr. Was auch immer der Mann zu bieten zu versprechen hat. Sogar wenn er Kinder mitbringt, sie lässt ihn abblitzen.

Obwohl, das mit den Kindern. Wenn sie Kinder haben könnte, ohne selber schwanger sein zu müssen. Kinder, die vielleicht schon etwas älter sind, keine Windeln, keine schlaflosen Nächte. Und Kinder, die im besten Fall nur am Wochenende kommen oder jede zweite Woche woanders sind. Wenn sie auf diese oder ähnliche Weise Kinder haben könnte, würde sie einen Mann in Kauf nehmen.

Vielleicht sollte sie es ausprobieren.

Ein schmales Bändchen.

Ich habe die Kurzgeschichten von Frau Reichelt gelesen, Es wäre schön (Logbuch Verlag). Und plötzlich habe ich Lust, mich an meine vielen Kurztexte zu setzen. Weil ich keine Kraft habe, für die großen Projekte, zurzeit. Aber immer mal wieder einen Kurztext bearbeiten, an die Lektorin weiterreichen, mit der Zeit eine Idee erhalten, in welcher Reihenfolge sie stehen könnten? Wieso nicht. Ein schmales Bändchen, oder auch ein dickeres. Ich will mit meinen Romanen raus, das bleibt. Aber vielleicht ist gerade nicht die Zeit dafür.